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Spannende Diskussion zu der Frage: Wie kann das Ruhrgebiet zur Adresse der jungen Generation werden?

In der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim diskutierten Bischof Franz-Josef Overbeck, Prof. Dr. Ulrich Radtke, Annamaria Deiters-Schwedt und Bernd Tönjes über die Zukunft des Ruhrgebiets.

Sprachen über die Stärken und Schwächen der Region (v.l.): Bischof Franz-Josef Overbeck, Forscherin Annamaria Deiters-Schwedt, Initiativkreis-Moderator Bernd Tönjes und Uni-Rektor Ulrich Radtke. (Foto: Achim Pohl/Bistum Essen)

Das falsche Image, unpassende Wohnungen oder die fehlende „Szene“ – in Mülheim wurde bei der Diskussion zur Zukunft an der Ruhr am 30. März deutlich, dass es gleich eine ganze Reihe Gründe gibt, weshalb das Ruhrgebiet für junge Leuten aus anderen Regionen eher unattraktiv ist. 30 „junge Schwarmstädte“ hat das Berliner Unternehmen Empirica ermittelt, Städte wie Münster, Hamburg, München oder Leipzig, die unterm Strich deutlich mehr 20- bis 35-jährige Einwohner gewinnen als verlieren. „Eine Ruhrgebietsstadt war nicht dabei“, konstatierte Forscherin Annamaria Deiters-Schwedt in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“. Sie macht dafür nicht einmal das fast schon legendär schlechte Image des Reviers verantwortlich: Sowohl Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck als auch der Duisburg-Essener Uni-Rektor Ulrich Radtke erinnerten auf dem „Wolfsburg“-Podium an auswärtige „Kondolenzbotschaften“ zu ihren Amtsantritten. „Junge Leute treibt heute relativ wenig um, wenn sie an das Ruhrgebiet denken“, brachte Deiters-Schwedt das Problem auf den Punkt. Es gebe „kaum Bilder, wenn ein 25-Jähriger aus einem anderen Teil der Republik an das Ruhrgebiet denkt“.

Social-Media-Aktion des Jungen Initiativkreises Ruhr für das Ruhrgebiet
Dagegen wollen junge Männer und Frauen aus dem Ruhrgebiet ab der kommenden Woche mit #läuftimruhrgebiet angehen. Unter diesem Titel starten Nachwuchsführungskräfte aus dem Initiativkreis Ruhr eine Social-Media-Aktion, die mit humorigen, vor allem aber authentischen Fotos und Sprüchen für das Ruhrgebiet werben soll. „Der Koloss von Rhodos?“ steht etwa über einem Bild der Monumentalstatue im Gelsenkirchener Nordsternpark – und „Nein, Herkules in Gelsenkirchen“ als Antwort darunter. Die Motive sollen helfen, das Ruhrgebiet ganz neu zu entdecken. „Das hat mal nichts mit Currywurst und alten Schächten zu tun“, betont Initiativkreis-Moderator und RAG-Chef Bernd Tönjes den innovativen Charakter des Projekts. Zudem können sich junge Leute über Facebook, Instagram oder die Webseite www.dasruhrgebiet.de vernetzen und selbst Motive hochladen. Gemeinsam mit dem Initiativkreis hatte das Ruhrbistum zur öffentlichen Diskussion in die „Wolfsburg“ eingeladen.

Ruhrbischof Overbeck machte sich in der Debatte für grundsätzliche Veränderungen und einen Mentalitätswandel in der Region stark. Dafür brauche es „eine Idee für ein Ziel – und viel Geduld“, sagte er sowohl mit Blick auf das Ruhrgebiet als auch auf die Veränderungen in seiner Kirche. Hier wie dort hingen jedoch noch viele Menschen „am Bild einer alten Welt, die neu entstehen werde – aber das wird nicht gehen“, sagte Overbeck. „Wir brauchen die Bereitschaft, mit weitem Blick neue Dinge nach vorn zu bringen.“ In der Kirche wie im Ruhrgebiet gehe es darum, Entwicklungen zu beginnen, „für die es kein Vorbild gibt“.

Berlin, München und Hamburg verlieren an Anziehungskraft
Um attraktiv für junge Leute zu werden, müssten zunächst „schon junge Leute da sein“, erläuterte Deiters-Schwedt die Gemeinsamkeiten junger Schwarmstädte. Es müsse attraktive, „hippe“, Quartiere geben, in denen die jungen Leute in Fuß- oder Fahrrad-Distanz zusammen leben könnten, zudem müssten die Städte ein attraktives Stadtzentrum haben und sich durch Alleinstellungsmerkmale auszeichnen. Immerhin: Nach den jüngsten Statistiken verlieren Berlin, München oder Hamburg an Anziehungskraft. „Womöglich sind diese Städte nun zu teuer geworden“, vermutete Deiters-Schwedt. Sie sprach von „einer Chance für das Ruhrgebiet“. Sie empfahl indes, nicht das komplette Revier, sondern gezielt einzelne Städte als junge Schwarmstädte zu profilieren.

Auch Uni-Rektor Radtke machte sich für kreative Wohn-Quartiere stark, in denen sich Studierende, Berufsanfänger und Firmengründer wohl fühlen. „Die Wohnbau-Gesellschaften müssen Wohnformen finden, die für diese Zielgruppen attraktiv sind“, forderte der Geographie-Professor. Größer als an anderen Unis sei im Ruhrgebiet die Schwierigkeit, Bachelor-Studierende für Master-Studiengänge zu halten, so Radtke. Dies liege auch an der mangelnden Attraktivität der Städte. Für die Kirche sieht Bischof Overbeck hier eine wichtige Rolle: „Wir müssen helfen, dass es hier für Familien attraktiv ist“, betonte der Bischof und verweist auf kirchliche Angebote wie Kitas und Schulen. Er sieht indes keine Chancen für eine positive Entwicklung der Region „wenn es nicht weiter eine hohe Aufmerksamkeit auf die Armen gibt“.

Weitere Informationen zu der Veranstaltung gibt es hier.