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TalentAward Ruhr 2017: Preisträger Turgay Tahtabas

Zukunft Bildungswerk Essen: Aus Überzeugung Bildungswege verändern

Turgay Tahtabas erhielt den TalentAward Ruhr 2017 für sein Projekt „Zukunft Bildungswerk“ zur Förderung von Kindern ab drei Jahren im Essener Norden (Foto: Initiativkreis Ruhr).

Turgay Tahtabas weiß, wie es ist, wenn man als engagierter, fürsorglicher Vater das Beste für seine Kinder will, aber den Weg nicht kennt. Weil man die deutsche Sprache nicht beherrscht und sich nicht auskennt im Labyrinth der Bildungsangebote. Und weil obendrein die finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind. Anfang der neunziger Jahre saß der im türkischen Zonguldak geborene Lehrer-Sohn zusammen mit seiner Frau und drei kleinen Kindern im neuen Zuhause in Essen – als Alleinverdiener, mit einem Job bei der städtischen Müllabfuhr. Und wusste nicht, wie er den Töchtern und dem Sohn zur bestmöglichen Bildung verhelfen kann. „Zum Glück sind wir auf hilfsbereite, kompetente Menschen gestoßen, die uns viele Fördermöglichkeiten für unsere Kinder aufgezeigt haben“, erzählt der 51-Jährige. Auch dank dieser Begleitung schafften alle drei das Abitur und stehen heute kurz vor dem Abschluss ihres Studiums.

Kinder dabei unterstützen, ihre Stärken zu entwickeln
„Ich möchte, dass möglichst viele Kinder so intensiv gefördert werden wie meine“, betont Tahtabas. Damit das gelingt, hat er 2015 im Essener Norden das gemeinnützige Zukunft Bildungswerk gegründet. Dort gibt es in vielen Stadtteilen soziale Herausforderungen, Talente bleiben unentdeckt, weil sie niemand fördert. Tahtabas will vor allem Kinder unterstützen, ihre Stärken zu entwickeln. Und zwar möglichst früh, schon ab drei Jahren in Kindertagesstätten. Obenan steht die sprachliche Förderung. Aber es gibt auch Musik- und Theater-Angebote. „Zu uns kommen Kinder, vor allem aus Flüchtlingsfamilien, die kaum ein Wort Deutsch sprechen“ sagt Tahtabas.

So wie im vergangenen Jahr ein Mädchen aus Afghanistan. Neun Monate haben Mitarbeiter von Zukunft Bildungswerk Tag für Tag mit dem Kind Deutsch gebüffelt. Lesen. Vorlesen. Vokabeln. Grammatik. Inzwischen besucht das Mädchen ein Essener Gymnasium – und kommt gut mit. „Solche Erfahrungen motivieren“, betont der Gründer von Zukunft Bildungswerk. Er legt Wert darauf, auch die Eltern eng einzubinden. Ihnen zu vermitteln, wie wichtig es ist zu lernen und wie sie ihre Kinder unterstützen können. Er weiß um Wissenslücken und Vorbehalte mancher Eltern beim Thema Bildung. Und er weiß mit ihnen umzugehen. Sein stärkstes Argument: die eigene Biografie. Turgay Tahtabas ist authentisch. Seine Familie ist ein Beleg dafür, dass Bildungskarrieren auch bei weniger guten Startbedingungen gelingen können.

Zukunft Bildungswerk betreut derzeit rund 700 Kinder
Tahtabas ist im Essener Norden bekannt wie ein bunter Hund. Als Netzwerker, Fundraiser, Koordinator. Er arbeitet mit Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführenden Schulen zusammen und bietet auch außerhalb dieser offiziellen Kooperationen Freizeitprogramme an. Bevor er Zukunft Bildungswerk gründete, hatte er mehr als zwölf Jahre als ehrenamtlicher Elternvertreter gearbeitet. Aber er wollte mehr. Aus Dankbarkeit für die Förderung, die seine Kinder erfahren haben, und weil es ihm Freude macht, jungen Menschen Talente zu entlocken. Der Familienvater wird häufig angesprochen und um Rat gebeten. Seinen Job bei der Stadtreinigung hat er für zwei Jahre ruhen lassen, um sich ganz dem Bildungswerk zu widmen. Welche Beschwernisse das mit sich bringt, hat er kürzlich erlebt, als er bei seiner Bank um einen Kredit für ein neues Auto bat. Das Geldinstitut lehnte mit Hinweis auf seine Selbstständigkeit und vermeintlich hohe Risiken ab. Seine älteste Tochter musste für ihn bürgen. Tahtabas erzählt das mit einem Lächeln. Bremsen lässt er sich von solchen Erlebnissen nicht.

Zukunft Bildungswerk betreut derzeit etwa 700 Kinder, die meisten im Kindergarten- und Grundschulalter. Lehramt-Studenten übernehmen die Sprach- und Lernförderung – auf Honorarbasis. Gut 100 von ihnen beschäftigt der Verein inzwischen. „Gestartet waren wir mit 15 Studenten, alles Freunde und Bekannte meiner Kinder“, erzählt Tahtabas. Wenn die Schullaufbahn der Jugendlichen Fahrt aufgenommen hat, ziehen sich die Förderer allmählich zurück. Aber wer Unterstützung benötigt, wird auch im fortgeschrittenen Alter nicht abgewiesen. „Unsere ältesten Zöglinge sind 25 Jahre alt“, sagt Tahtabas. Am liebsten ist ihm jedoch, „wenn wir uns selbst überflüssig gemacht haben“.

Ein aktuelles Foto des Preisträgers finden Sie hier.