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InnovationCity beweist: Ruhrgebiet kann Vorreiter für Klimaschutz werden

Das Leitprojekt des Initiativkreises Ruhr feierte in Herne den Abschluss des „InnovationCity roll out“ auf 20 weitere Quartiere in der Region.

Die Innovation City Management GmbH (ICM) belegt mit ihren Ergebnissen aus dem Klimaschutzprojekt „InnovationCity roll out“, dass Klimaschutz in Deutschland machbar ist. Präsentiert wurden die Zahlen und Fakten der insgesamt dreijährigen Analyse am heutigen Montag, 1. Juli, bei einer Abschlussveranstaltung in Herne, an der Bundesumweltministerin Svenja Schulze, NRW-Europaminister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner sowie zahlreiche Repräsentanten aus Kommunen, Energie- und Wohnungswirtschaft teilnahmen.

Von 2016 bis 2019 wurden 20 Quartiere in 17 Städten der Metropole Ruhr untersucht. Auf über 5.000 Seiten führt die ICM in den 20 integrierten energetischen Quartierskonzepten aus, wie sich sowohl industriell als auch ländlich geprägte Quartiere in energieeffiziente Quartiere wandeln können. „Von der Kohle zu erneuerbaren Energien: Klimaschutz ist machbar, wenn er von unten organisiert und vom Quartier aus gedacht wird“, erklärt Burkhard Drescher, Geschäftsführer der ICM mit Sitz in der Klima-Modellstadt Bottrop. Die Erkenntnisse aus dem Projekt zeigten, dass man eine Klimawende in Deutschland anstoßen könne. Drescher: „Das ist kein Zauberwerk. Denn Klimaschutz hat nichts mit Enthaltsamkeit und Entbehrung zu tun. Klimaschutz schafft mehr Lebensqualität und Arbeitsplätze. Die Metropole Ruhr, die in Zeiten des Wiederaufbaus schon einmal die Energiezentrale des Landes gewesen ist, muss jetzt Vorreiter für machbaren Klimaschutz werden.“

Entstanden aus einem Wettbewerb des Initiativkreises Ruhr
Mit dem Ziel, ein Stadtgebiet zum Musterbeispiel für Energieeffizienz zu entwickeln, ist der Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss von mehr als 70 führenden Wirtschaftsunternehmen und Institutionen im Ruhrgebiet, im Jahr 2010 angetreten. Die Stadt Bottrop setzte sich in einem Wettbewerb durch und wurde zur InnovationCity Ruhr. „Die erste InnovationCity in Deutschland war von Anfang an als Labor gedacht, von dem aus Erfahrungen und Erkenntnisse an andere Städte weitergegeben werden sollten. Insofern war es für uns nur konsequent, den InnovationCity roll out anzustoßen und voranzutreiben“, erläutert Dirk Opalka, Vorsitzender des Aufsichtsrats der ICM und Geschäftsführer der Initiativkreis Ruhr GmbH. „Die Wirtschaft im Ruhrgebiet hat mit diesem Projekt bewiesen, dass unsere Region genau der richtige Ort ist, um wirksame Klimaschutzmaßnahmen auszurollen.“

Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, erklärte in Herne: „Die Urbanisierung ist weltweit ein Trend. Wo jedoch die meisten Menschen leben, entstehen auch die meisten Treibhausgase. Deshalb muss Klimaschutz hier ansetzen. Das ist auch die Idee von InnovationCity. Eine sehr gute Idee und ein höchst erfolgreiches Projekt. Klimaschutz schaffen wir nur gemeinsam, durch Kooperation auf allen Ebenen. Initiativen aus der Wirtschaft wie InnovationCity sind dafür vorbildlich. Ich wünsche mir, dass das Konzept der aufsuchenden Energieberatung bundesweit Schule macht.“

Dr. Stephan Holthoff-Pförtner, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Internationales des Landes Nordrhein-Westfalen und mit der Federführung für die Ruhr-Konferenz betraut: „Das Ruhrgebiet hat das Zeug zur nachhaltigen Zukunftsregion mit hoher Lebensqualität, kurzen Wegen und effizienter Ressourcennutzung. Die Ruhr-Konferenz will dafür den entscheidenden Impuls geben.“

Zu welchen Ergebnissen kommt „InnovationCity roll out“?

  • In den 20 untersuchten Quartieren werden derzeit jährlich knapp 1 Mio. Tonnen CO2 ausgestoßen. Diese Menge würde 1.440 Mal den Gasometer in Oberhausen füllen.
  • Bei Umsetzung aller in den Konzepten vorgeschlagenen Maßnahmen können konservativ berechnet über einen Zeitraum von fünf Jahren über 300.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Ein 300 km² großer Wald könnte diese Menge an Kohlenstoffdioxid innerhalb eines Jahres aufnehmen. Er wäre somit größer als Dortmund.
  • Mit der Erzeugung und Nutzung von Sonnenenergie könnten die Quartiere ihren Strombedarf untereinander komplett abdecken und die gleiche Strommenge sogar noch abgeben. Derzeit haben die Photovoltaik-Anlagen im gesamten Untersuchungsgebiet eine Leistung von 13.500 Megawattstunden pro Jahr (MWh/a). Das theoretische Photovoltaik-Potenzial liegt mit mehr als 1,12 Mio. MWh/a weit darüber.
  • Um 1,12 Mio. MWh/a mit fossilen Energien zu gewinnen, müssten zum Beispiel 474.000 Tonnen Braunkohle verstromt werden. Das entspricht einer Ladung von 24.000 Sattelzügen, die aneinandergereiht einen 336 Kilometer langen Stau von Bottrop bis nach Heidelberg produzieren würden.
  • Durch energetische Modernisierungsmaßnahmen wie etwa den Austausch von Fenstern oder die Dämmung der obersten Geschossdecke ließen sich im Bereich Wärme bei Wohnhäusern theoretisch über 575.000 MWh/a einsparen. Der Energiebedarf könnte demnach um 45 Prozent reduziert werden – und somit könnten zum Beispiel 270.000 Fässer Heizöl eingespart werden.
  • Bereits durch den Austausch von alten Elektrogeräten und eine Verhaltensänderung der Bewohner ist es möglich, fast 17.000 MWh/a einzusparen. Mit dieser Strommenge könnten jährlich mehr als 123.000 Kühlschränke (A++) betrieben werden. Ausgehend von den durchschnittlichen Stromkosten könnten die privaten Haushalte damit auch rund 5 Mio. Euro sparen.

Wie sind die Ergebnisse zu bewerten?
„Unsere Auswertungen belegen, dass wir vor allem die Potenziale in den Bestandsgebäuden heben und eine Antwort auf die viel zu hohen Energieverbräuche bei Wärme und Strom finden müssen“, sagt Drescher. Er fordert dazu auf, den Fokus auf eine vernünftige energetische Modernisierung von Gebäuden zu legen und auf diese Weise eine Verbesserung der Klimabilanz zu schaffen. „Deutschland ist gebaut, und fast 40 Prozent der CO2-Emissionen stammen aus Gebäuden. Wir zeigen in unseren Konzepten, dass sich Klimaschutz für den Einzelnen rechnet. Es müssen nicht immer die teuren Investitionen sein. Gerade niederschwellige, kleinere Maßnahmen, die sich in wenigen Jahren auszahlen, können erheblich zur Energiewende beitragen.“ Hier müsse die deutsche Energiepolitik Anreize setzen und privates Investment unterstützen.

Wer hat das Projekt unterstützt?
Das Projekt „InnovationCity roll out“ konnte in seiner dreijährigen Laufzeit nur mit der Unterstützung und Förderung zahlreicher Partner realisiert werden. Bei der klimaneutral durchgeführten Abschlussveranstaltung bedankte sich Drescher beim Initiativkreis Ruhr, der Innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft, der NRW.BANK, der RAG-Stiftung, der WiN Emscher-Lippe GmbH, der Business Metropole Ruhr GmbH, dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sowie dem Land NRW, das den „roll out“ aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert hat. Den Dank an die lokalen Akteure aus den 17 „roll out“-Kommunen verband der ICM-Chef mit einem Appell: „Entscheidend für den Klimaschutz ist, dass die Ergebnisse unserer Konzepte vom Papier ins Quartier gebracht werden. Nur mit dem Aufbau eines Sanierungsmanagements können die vorgeschlagenen Maßnahmen zielgerichtet umgesetzt werden.“

Weitere Zahlen zum InnovationCity roll out:

Eine Fläche so groß wie Manhattan
Die Fläche der 20 „roll out“-Quartiere ergibt zusammen rund 58 km² und ist damit in etwa so groß New Yorks Stadtbezirk Manhattan. In den Quartieren leben zusammen rund 212.000 Einwohner – also so viele Menschen wie in Oberhausen. Untersucht wurden insgesamt 38.623 Gebäude. 81,6 Prozent der Gebäude (oder 31.000) wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung im Jahr 1977 erbaut und haben größtenteils einen hohen energetischen Modernisierungsbedarf.

Mit Tausenden Menschen im Gespräch
In den 17 Kommunen hat die ICM 263 Gesprächstermine mit über 1.200 Gesprächspartnern geführt. An weiteren Veranstaltungen nahmen mehr als 2.000 Akteure teil. Bei allen Terminen wurden die Erfahrungen aus der Modellstadt Bottrop weitergetragen. Sie bildeten die Basis für passende lokale Maßnahmen, die mit den Verantwortlichen in den jeweiligen Städten erarbeitet wurden. In Zielvereinbarungen wurde das Versprechen dokumentiert, die Maßnahmen aus den Konzepten auch umzusetzen. Die ICM hat dabei Vorschläge unterbreitet, wie die Umsetzung zu finanzieren ist.

Kostenlose Energieberatung gewünscht
An den Befragungen der ICM nahmen auch 1.738 Bürger teil. Knapp 40 Prozent aller Befragten planen in den kommenden fünf Jahren energetische Modernisierungsmaßnahmen, insbesondere den Austausch alter Heizungen, Fenster und Türen sowie die Dämmung des Daches bzw. der obersten Geschossdecke. Dies geschieht fast ausschließlich aus finanziellen Gründen: zur Senkung der Energiekosten und zum Werterhalt des Gebäudes. Dem gegenüber stehen insbesondere auch finanzielle Hemmnisse, da Fördermittel oft nicht bekannt oder an zu hohe Vorgaben geknüpft sind. Jeder zweite Eigentümer und jeder vierte Mieter wünscht sich daher ein möglichst kostenloses Angebot zur Energieberatung.