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TalentAward Ruhr 2016: Preisträger Jörg Knüfken

Tagebuch schreiben, Stärken erkennen – Initiative Freischreiber

Jörg Knüfken erhielt den TalentAward Ruhr 2016 für sein Engagement an Hauptschulen im Kreis Wesel mit dem Projekt Freischreiber (Foto: Initiativkreis Ruhr).

„Wenn gar nichts geht, dann zeige ich eben nur Filme.“ Das dachte sich Jörg Knüfken, 49, als er 2010 an einer Hauptschule in Dinslaken die Betreuung einer Gruppe extrem verhaltensauffälliger Jugendlicher übernahm. Doch diesen persönlichen Plan B hat der Sozialpädagoge nie umsetzen müssen. Zwei Jahre später schafften 13 der 14 von ihm betreuten Schülerinnen und Schüler, die zuvor als „unbeschulbar“ gegolten und keine Perspektive für ihr Leben hatten, den Hauptschulabschluss. Was war geschehen? Knüfken war es gelungen, einen individuellen Zugang zu den Jugendlichen zu gewinnen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen und ihre Talente herauszukitzeln. Statt nur Filme zu zeigen, um sie irgendwie zu beschäftigen.

Die pädagogische Methode importierte der Vater zweier Kinder aus den USA: autobiografisches Schreiben. „Wenn damit amerikanische Ghetto-Kinder ihr Leben in den Griff bekommen, warum dann nicht auch verhaltensauffällige Hauptschüler in Dinslaken?“, dachte sich Knüfken. „Freedom Writers“ nennt sich das in den 90er Jahren von einer amerikanischen Lehrerin entwickelte Konzept: Durch das Schreiben von Tagebüchern und andere Methoden setzen sich Jugendliche mit ihrer Biografie auseinander und verändern damit ihr Leben positiv. Nach und nach fassten die Schülerinnen und Schüler aus Dinslaken Vertrauen zu Knüfken. Sie merkten, dass er echtes Interesse an ihnen hat und erlaubten ihm, ihre Tagebücher einzusehen – mit Geschichten voller negativer Erfahrungen und familiärer Probleme. Mit diesem Wissen gelang es dem Pädagogen, ein immer engeres Band zu den Jugendlichen zu knüpfen und sie zu motivieren, an ihre Potenziale zu glauben und ihre Talente zu entwickeln.

Aus dem außergewöhnlichen Projekt an der Hauptschule in Dinslaken ist längst mehr geworden. Knüfken hat 2013 gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ein Buch darüber veröffentlicht („Das Wunder bleibt aus“) und ist mit ihnen auf Lesereise gegangen. Mehr als ein Jahr lang, quer durch Deutschland. Die Schüler sind zu Multiplikatoren des Projekts geworden. Um seine Erfahrungen weiterzutragen und neben Jugendlichen auch Lehrer und Schulsozialarbeiter zu erreichen, gründete Knüfken 2014 in Dorsten mit mehreren Mitstreitern den Verein „Schreibmodus“, der seit Sommer 2016 „Freischreiber e.V.“ heißt. „Der Verein hat zwei Standbeine: die konkrete Arbeit mit Schülerinnen und Schülern sowie die Ausbildung von Multiplikatoren“, erläutert der Sozialpädagoge, der auch Geschäftsführer von „Freischreiber“ ist.

Etwa 200 Jugendliche, denen das Etikett „schwer beschulbar“ anheftete, haben bisher von Knüfkens Erfahrungen und Methoden des erfahrungsorientierten Lernens profitiert. So wie Dilara G. Nach der Grundschule hatte sie eine Gymnasialempfehlung erhalten, doch bereits in der Unterstufe begann ihre Abschulung auf die Realschule und später auf die Hauptschule. Dort fand sie den Weg in eine Arbeitsgemeinschaft ihrer Schule mit Jörg Knüfken und seinem Konzept. Durch die Erlebnisse in der Gruppe und im Laufe selbstreflexiver Phasen macht es bei ihr „Klick“. „Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich das alles ja für mich mache“, erzählt Dilara. Sie machte den Hauptschulabschluss, später das Fachabitur und will bald ein Studium beginnen.

Ein schöner Erfolg, aber von solchen Geschichten müsse es mehr geben, findet Knüfken. Er möchte am liebsten die ganze Schullandschaft umkrempeln – mindestens aber jedem Jugendlichen gerecht werden, damit er das Beste aus seinem Leben machen kann. Der Schreibmodus-Gründer glaubt an die Talente, die von der Gesellschaft nicht mehr erkannt werden. „Die Schule muss sich den Herausforderungen auf neue Art und Weise nähern. Standardantworten funktionieren nicht mehr“, meint er. 

Ein aktuelles Foto des Preisträgers finden Sie hier.