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Warum Matt von Boston ins Ruhrgebiet zieht

Der Harvard-Absolvent und RuhrFellow Matthew Pasquini tritt im Sommer eine Stelle beim Energiedienstleister ista an. Ein Interview.

Matthew Pasquini arbeitet ab Sommer bei der ista International GmbH (Foto: Privat).

Vieles hat sich für Matthew Pasquini verändert, nachdem er 2014 zwei Monate als RuhrFellow in Deutschland verbracht hat. Im Sommer nimmt der Harvard-Absolvent eine Stelle bei der ista International GmbH an. Im Interview berichtet der 21-Jährige von seinem Praktikum, erklärt, warum er ins Ruhrgebiet zurückkehrt, und gibt künftigen RuhrFellows wichtige Tipps.

Hi Matt, kannst du dich kurz vorstellen und uns etwas über deinen bisherigen Werdegang erzählen?
„Ich studiere Astrophysik und Physik im letzten Bachelorsemester an der Harvard-Universität und Umweltwissenschaften und Politikwissenschaften im Nebenfach. Schon in der High School habe ich mich für Physik und den Weltraum interessiert, daher mein Wunschfach Astrophysik. An der Uni erforschen wir im Moment die Struktur der Milchstraße – ein Thema, das ich schwerpunktmäßig studiere. Belegt habe ich außerdem einige Kurse in den Wirtschafts- und Erziehungswissenschaften. Konkrete Pläne für ein Master-Studium habe ich zwar noch nicht, könnte mir aber durchaus vorstellen, in Europa weiter zu studieren.“

Was waren deine Erwartungen an das RuhrFellowship-Programm? Wie hat die Erfahrung deine Karriere beeinflusst?
„Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was mich erwartet, denn vor Beginn des Programms war ich weder außerhalb der USA gewesen, noch hatte ich je den Fuß in ein Flugzeug gesetzt. Am spannendsten war es für mich, mein Deutsch anzuwenden, denn ich hatte die Sprache ja bereits zwei Jahre lang gelernt. Ebenso habe ich mich natürlich auf eine Tätigkeit im außeruniversitären Bereich gefreut. Wir hatten zwar an der Uni schon an verschiedenen Forschungsprojekten mitgearbeitet, aber die Forschung in der Industrie hat ganz andere Ansatz- und Schwerpunkte. Meine zwei Monate im Ruhrpott waren großartig. Ich konnte mein Deutsch verbessern, und zwar viel besser, als ich es an der Universität gekonnt hätte, und ich habe einen kurzen, aber dennoch wertvollen Einblick in die Industrie gewonnen.“

Was war dein Schwerpunkt im Praktikum bei der ista International GmbH?
„ista ist eine internationale GmbH, deren Schwerpunkt auf der Transparenz von Energieverwendung liegt. ista hat sich auf die Erfassung, Abrechnung und Visualisierung sowie ein effizientes und auf Nachhaltigkeit ausgelegtes Management von Wasser, Energie und anderen Betriebskosten spezialisiert. Den Kunden wird der eigene Energieverbrauch anschaulich vermittelt und erklärt, wie sich nachhaltige Energiekonzepte im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung umsetzen lassen. Daraus entsteht eine Win-Win-Situation für alle. Der Mieter einer Wohnanlage spart Energie und damit seine monatliche Belastung. Gleiches gilt für den Vermieter, dessen Betriebskosten durch einen niedrigen Energieverbrauch der Mieter sinken. Der große Gewinner ist letztendlich die Umwelt, da mit Ressourcen nachhaltig umgegangen wird. Das Team im Unternehmen war aufgeschlossen und freundlich. Ich habe im Bereich Entwicklung gearbeitet, wo Informatiker und Techniker neue Produkte gestalten. Die verschiedenen Abteilungen des Unternehmens waren bestens miteinander vernetzt, alle arbeiteten sehr eng zusammen. Diesen hohen Grad an Zusammenarbeit fand ich äußerst beeindruckend. Meine Kollegen wirkten sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, dem Unternehmen und ihren Aufgaben.“

Was motiviert dich, ins Ruhrgebiet zurückzukommen?
„Ich glaube, der Hauptgrund ist der Job – denn ich habe sowohl das Unternehmen als auch meine Arbeit wirklich sehr gemocht. Das Ruhrgebiet an sich ist ziemlich schön und eine Region mit hoher Lebensqualität; zwar nicht ganz so aufregend wie New York City, aber immerhin im Herzen Europas. Man kann von dort aus sehr schnell in andere Städte reisen. Im Ruhrgebiet ist es vergleichsweise grün und der Öffentliche Personennahverkehr funktioniert ausgezeichnet, besser als hier in Boston. Und die Lebenshaltungskosten sind auch viel niedriger als hier.“

Kannst du einen Moment beschreiben, der dir ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist?
„Ich hatte einen Kollegen, der jeden Tag von Wuppertal nach Essen gependelt ist. Er hat mir immer sehr viel Positives über Wuppertal erzählt. Eines Tages hat er mich gefragt, ob er mich einladen kann, seine Stadt kennenzulernen. Natürlich habe ich sofort zugesagt, und dann hat es mich völlig überrascht, dass er sofort seinen Kalender aus der Tasche genommen hat, um mit mir einen Termin für meinen Besuch zu vereinbaren. Das ist mir in den USA noch nie passiert, dass Kollegen einen Termin vereinbaren, um sich zu treffen. In den USA ist man da meist unverbindlicher. Zum Beispiel werden Pläne gemacht, gemeinsam Mittag zu essen, nur wird daraus oft nichts. Diese Unverbindlichkeit findet man häufig auch im studentischen Umfeld.“

Wie unterscheidet sich das Ruhrgebiet von der Metropolregion Boston/Cambridge?
„Der ÖPNV ist wesentlich besser. Außerdem scheint mir, dass es im Ruhrgebiet eine bessere Work-Life-Balance gibt. Beide Regionen legen viel Wert auf eine saubere Umwelt und eine nachhaltige Entwicklung. Darüber hinaus gibt es in beiden Regionen viele kulturelle Veranstaltungen. Und das Ruhrgebiet entwickelt sich gerade sehr schnell und erlebt eine Umstrukturierung. Die Städte werden modernisiert und stärker auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Zwischen den Regionen gibt es auch viele Gemeinsamkeiten: beide sind beispielsweise sehr kompakt und sich in vielem ähnlich. Das hat mich überrascht.“

Was hast du von Deutschland gesehen? Und welche Städte hast du in Europa besucht?
„Die erste Reise ging nach Berlin. Außerdem war ich in Münster und München. Wir RuhrFellows haben auch ein Semesterticket bekommen, also konnten wir umsonst in ganz Nordrhein-Westfalen Bahn fahren. Wir waren auch in Köln, Bonn, Düsseldorf und Aachen. Münster hat mir besonders gut gefallen. Außerhalb von Deutschland habe ich Wien, Brüssel und Amsterdam besucht. Wir waren wirklich jedes Wochenende unterwegs. Ein Wochenende waren wir auch in Freiburg wandern, nur war ich leider etwas krank und konnte daher die Stadt nicht so recht genießen. Ich fand es spannend, wie jede Stadt, die ich in Deutschland und Europa gesehen habe, auf ihre jeweils sehr eigene Art schön war. Ich war vor meinem Aufenthalt im Ruhrgebiet noch nie so viel gereist. Wenn ich jetzt zurückkomme, werde ich alles etwas langsamer angehen lassen.“

Welche Tipps kannst du zukünftigen RuhrFellowship-Bewerbern geben?
„Das Programm ist sehr gut, denn es kann dir Kontakte vermitteln, die später wichtig sein können. Ich meine nicht nur die Kontakte, die man auf der Arbeit knüpft, sondern auch Freundschaften in ganz Europa. Es entsteht ein ganzes Spektrum an neuen Möglichkeiten. Seid einfach aufgeschlossen und nehmt alle Möglichkeiten, die sich euch bieten, wahr. Wenn ihr euer Deutsch verbessern wollt, dann ist das RuhrFellowship eine wunderbare Möglichkeit. Es finden viele Ausflüge statt, was sich manchmal ein bisschen wie ein Sommerferienlager anfühlt. Aber für jemanden, der vorher noch nie viel gereist ist, ist das eine wunderbare Option, um ganz auf sich alleine gestellt eine neue Umgebung zu erkunden. Natürlich gehören auch Ängste und Herausforderungen dazu, aber die sind längst nicht so groß wie man vorher vielleicht denkt. Wir von der Harvard-Universität haben viel Unterstützung von unserem International Office und unserer Kontaktperson für das RuhrFellowship, Ruth Sondermann, erfahren. Ruth kommt selbst aus dem Ruhrgebiet und hat uns das Programm vorgestellt. Ich kann das RuhrFellowship-Programm wärmstens empfehlen!“

Das Interview führte Christian Riechel, University Alliance Ruhr, New York.

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