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Zukunftsworkshop zu Gast bei MC-Bauchemie

Gedichtanalyse oder Steuererklärung – wie viel Wirtschaft gehört in die Schule? Mit dieser und weiteren Fragen befassten sich am 19. Mai 2015 im Seminar- und Ausbildungszentrum der MC-Bauchemie in Bottrop 70 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Schule beim diesjährigen Zukunftsworkshop der TalentMetropole Ruhr, der Bildungsinitiative des Initiativkreises Ruhr.

Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Retzmann hielt den Impulsvortrag beim Zukunftsworkshop Wirtschaft & Schule. (Foto: IR)

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann `ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Mit diesem Beitrag im Kurznachrichtendienst Twitter löste die Schülerin Naina eine bundesweite Debatte darüber aus, was Unterricht leisten muss. Dies nahm die TalentMetropole Ruhr zum Anlass und lud Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Schule ein, um mit ihnen über diese und weitere Fragen zu diskutieren.

 „Für uns ist der Kontakt zu Schülern sehr wichtig, daher stehen wir unter anderem auch in regelmäßigem Dialog mit Schülerinnen und Schülern“, sagte Dr.-Ing. Claus-M. Müller, Geschäftsführender Gesellschafter der MC-Bauchemie Müller GmbH & Co. KG, in seiner Begrüßung. MC-Bauchemie bildet Jahr für Jahr 50 Auszubildende in gewerblich-technischen und kaufmännischen Berufen in Bottrop aus. „In Einstellungstests und Bewerbungsgesprächen stellen wir häufig fest, dass viele Schüler Mängel zeigen, wenn es um Fragen der sozialen Marktwirtschaft und betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse geht“, sagte Dr. Müller und fügte hinzu: „Daher ist der Zukunftsworkshop auch ein wichtiges Thema für uns, das wir gerne unterstützen.“ MC-Bauchemie, langjähriges Mitglied des Initiativkreises Ruhr, war daher Gastgeber des Zukunftsworkshops.

Das Internet drückt aufs Tempo
Dirk Opalka, Geschäftsführer der Initiativkreis Ruhr GmbH, wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass Nainas kritischer Tweet die Frage aufgeworfen hat, was Schule eigentlich leisten muss. „Diese Art der Kritik am Schulsystem ist zwar nicht neu. Schließlich hat sich vor 2000 Jahren bereits der römische Philosoph Seneca darüber beklagt, dass man für die Schule lerne und nicht fürs Leben“, sagte Dirk Opalka. Doch ohne Zweifel sei die Welt komplexer geworden. Und sie verändere sich mit fortschreitender Digitalisierung immer schneller und immer durchgreifender. Das Internet drücke aufs Tempo. Opalka: „Sicher: Schule muss auf das Leben vorbereiten. Aber muss und kann sie schon die Antworten auf alle Fragen des Lebens liefern? Oder ist es nicht vielmehr ihre Aufgabe, die Grundlage dafür zu liefern, dass sich junge Leute die lebenswichtigen Dinge selbst aneignen können? Dazwischen liegt ein weites Spannungsfeld. Und das ist nach wie vor hoch aktuell.“

Opalka stellte die Arbeit der TalentMetropole Ruhr vor. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen den Übergang von der Schule in den Beruf zu erleichtern sowie die Begabung und Talente junger Menschen zu entdecken und zu fördern. Opalka lud die Gäste ein, über die Frage zu diskutieren, wie viel Platz ökonomische Inhalte in der Schule haben sollten.

Wirtschaft in den Lehrplan
Prof. Dr. Thomas Retzmann, Lehrstuhl Wirtschaftswissenschaften und Didaktik der Wirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen, unterstrich in seinem Impulsvortrag zum Thema „Reichweite und Grenzen der Ökonomischen Bildung in der Schule“, dass ökonomische Bildung heute noch immer nicht in Schulen verankert sei, obwohl schon vor mehr als 40 Jahren die Notwendigkeit der durchgehenden „ökonomisch-technischen Bildung für alle“ von Erziehungswissenschaftlern wie Wolfgang Klafki gefordert wurde. Diese eröffne Menschen eine wichtige Perspektive auf die moderne Welt und bereite viel besser auf das Leben nach der Schule vor, sagte Professor Retzmann. „Ökonomische Bildung in Schulen kann Schüler befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen, Spielräume eigenen Handelns zu erweitern, aber auch aus Fehlern zu lernen.“ Umso wichtiger sei es, das Fach Wirtschaft in den Lehrplan mit aufzunehmen.

In den anschließenden Themenworkshops wurden erfolgreiche Projekte der Vermittlung von Wirtschaftskompetenz an Schulen aus der Praxis vorgestellt und anschließend in einer Talkrunde miteinander diskutiert. Die Themen im Einzelnen:

Schulen vermitteln Wirtschaftskompetenz selbst: Beispiel Europäischer Wirtschaftsführerschein (EBCL)

Lothar Hesse, Schulleiter, und André Götte, Projektleiter und Lehrer am Don-Bosco-Gymnasium Essen, erläuterten den aus eigener Initiative entwickelten Projektkurs und beantworten die Fragen der Teilnehmer, wie er funktioniert und welchen Mehrwert dieser für Schule und Unternehmen bietet.

Wirtschaftliches Denken und Handeln lernen – die JUNIOR Programme des Instituts der Deutschen Wirtschaft

Dominic Sickelmann, Leiter Programmentwicklung des IDW, zeigte, wie die JUNIOR Programme durchgeführt werden und diskutierte mit den Teilnehmern die Vorteile praktisch angewendeten Wirtschaft-Know-hows an Schulen.

Mit einem Klick in die Wirtschaft: Angebote für Schüler leicht entdecken – der TalentMonitor Ruhr

Verena Lodwig, Projektmanagerin beim Initiativkreis Ruhr, stellte die Funktionsweise des Portals vor, zeigte exemplarisch einige Wirtschaftsangebote und gab Anregungen, wie Schüler und Lehrer zur Selbsthilfe angeleitet werden und Unternehmen mitwirken können.

Die abschließende Talkrunde und Diskussion mit Hans-Georg Rinke, Schulleiter Schiller-Schule in Bochum, und Anikó Kunz, Human Resources Managerin bei der MC-Bauchemie, moderierte Bildungsjournalistin Britta Mersch. Auch hierbei wurde noch einmal klar, dass viele Schulen mit Schülerfirmen, Projektkursen und Kulturcafés neue Wege in der ökonomischen Bildung von Schülern gehen. Diese seien zwar mit zusätzlichem Zeitaufwand verbunden. Nach einhelliger Meinung lohnt er sich jedoch, weil Schüler hier sehr motiviert sind und auch für das Leben lernen. Anikó Kunz unterstrich, dass ökonomisches Grundlagenwissen wichtig ist und es leider vielen Schulabgängern und Bewerbern daran mangele. Sie betonte aber auch, dass neben den fachlichen Voraussetzungen und dem ökonomischen Grundwissen Eigenschaften wie Authentizität, Interesse und Neugierde, Eigenständigkeit, Strukturiertheit und Zuverlässigkeit oft einen stärkeren Ausschlag im Einstellungsprozess geben.

Weitere Informationen auf talentmetropoleruhr.de.