Interviews

„AnTasten“ – Podcast für Liebhaber klassischer Musik und alle, die es werden wollen


29. April 2021

Anja Renczikowski hat Musikwissenschaft studiert und lebt ihre Leidenschaft nun im Podcast des Klavier-Festivals Ruhr aus. (Foto: privat)

Anja Renczikowski befragt im neuen Online-Format des Klavier-Festivals Ruhr Persönlichkeiten aus der klassischen Musikszene. Wir haben mit der Musikjournalistin über die weiteren Pläne für den Podcast, Lieblingsstücke und die Zeitlosigkeit von Musik gesprochen.

Frau Renczikowski, Sie sprechen im Podcast „AnTasten“ mit Gästen aus der klassischen Musikszene. Wie ist das Projekt zustande gekommen?
Das Klavier-Festival Ruhr und ich sind uns nicht fremd. Ich habe schon vor vielen Jahren für das Festival gearbeitet und bin seit gut einem Jahr in der Education-Abteilung als Projektkoordinatorin der Little Piano School tätig. Ich wurde schließlich vom Intendanten des Festivals, Franz Xaver Ohnesorg, angesprochen, um die Zeit bis zu den Konzerten zu überbrücken, aber auch wenn es wieder losgeht und Konzerte möglich sein werden, den Zuhörern Themen rund um das Festival zu präsentieren. Unser Plan: Ein wöchentlicher Podcast rund um das Thema klassische Musik. Wir wollen mit unserem Publikum in Kontakt bleiben, aber auch als Informationsquelle dienen. Was braucht es beispielsweise, damit so ein Programm auf die Beine gestellt wird, was macht das Festival das ganze Jahr über? Deswegen haben wir beim Podcast auch nicht nur Pianisten und Pianistinnen zu Gast, sondern zum Beispiel auch Musikpädagogen oder Toningenieure. Das macht für mich persönlich auch den besonderen Reiz aus: mit Menschen zu sprechen, über die man normalerweise nicht so viel erfährt. Dazu kommt, dass sich durch den Podcast auch mehr ein Gespräch als ein Interview entwickelt, man ist spontaner und muss nicht unbedingt eine zeitliche Vorgabe einhalten. So kommen die spannendsten Geschichten dann, wenn man sie überhaupt nicht erwartet.

Sobald die Konzerte dann hoffentlich starten, werde ich zusätzlich einige Mini-Podcasts vorbereiten, um die Menschen mit Anekdoten oder kleinen Geschichten auf das Programm des jeweiligen Abends einzustimmen – sozusagen eine „Konzerteinführung to go“.

Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, Hörer nach Alter zu kategorisieren, weil das heutzutage kaum noch eine Rolle spielt.

Nun ist das Publikum des Klavier-Festivals traditionell im gehobeneren Alter. Kann mit dem Medium Podcast auch eine jüngere Zielgruppe erreicht werden?
Ich tue mich immer schwer damit, eine „junge“ Zielgruppe zu definieren. Die 20-Jährigen oder in Relation zum Publikum des Klavier-Festivals die 40-Jährigen? Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn unsere Gäste und Zuhörer gesetzteren Alters sind. Wenn man ein Konzert besucht und dort nicht so viele junge Menschen sieht, liegt das meiner Meinung nach nicht am Desinteresse, sondern einfach an der Lebenssituation. Wenn ich 35 Jahre alt bin und zwei Kinder habe, dann werde ich an meinem freien Abend wahrscheinlich lieber ins Kino gehen, anstatt ein Konzert zu besuchen. Aber es wird auch die Lebensphase kommen, in der man die Musik für sich wiederentdeckt und sich darauf einlassen kann.

Was den Podcast betrifft, habe ich grundsätzlich ein Problem damit, Hörer nach Alter zu kategorisieren, weil das heutzutage kaum noch eine Rolle spielt. Abseits vom Podcast bin ich Kulturpädagogin und beschäftige mich intensiv mit der Thematik des Alterns. Ich glaube, dass man unterschätzt, wie viele ältere Menschen das Medium für sich entdecken. Es wird einfach normaler, mit Podcasts oder anderen Neuen Medien umzugehen. Außerdem: Die Menschen, die jetzt älter werden, sind ganz anders sozialisiert, da sind Streaming oder Podcast keine Fremdwörter mehr. Darüber hinaus wird das Altern an sich vielschichtiger. Vor 20 Jahren haben ältere Menschen vor allem Schlager oder klassische Musik gehört, heutzutage gibt es da viel mehr Diversität. Das liegt natürlich auch an der Zugänglichkeit, jede erdenkliche Musik ist oft nur einen Klick entfernt.

Stichwort Zugänglichkeit: Wie kommen die Menschen heutzutage noch in Kontakt mit klassischer Musik? Außer natürlich über den Podcast „AnTasten“?
Da gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Vor einigen Jahren habe ich Geschichten von Radiohörern gesammelt, die mir von ihrem „Lieblingsstück“ erzählt haben. Auf der einen Seite kamen da sehr berührende Geschichten zum Vorschein, weil viele von den älteren Zuhörern den Krieg noch miterlebt hatten. Auf der anderen Seite gab es auch etliche Hörer, die beim Stöbern oder Durchschalten im Radio eine Art Erweckungserlebnis hatten und von einer ganz bestimmten Musik besonders fasziniert wurden. Das hat mir gezeigt, wie viel Liebe und Interesse an der Musik in vielen „schlummert“. Manchmal muss man die Musikliebhaber einfach nur abholen und ihnen den Zugang vereinfachen.

Wie sieht es mit der jungen Generation aus? 
Für viele Jüngere ist der Besuch eines Konzerts immer noch mit Hürden verbunden – was ziehe ich an, wann darf ich klatschen. Das ist alles nicht so relevant, die Musik ist wichtig. Beim Klavier-Festival kommen durch die Aktion „Junges Ruhrgebiet“ viele Schüler und Schülerinnen oft das erste Mal in ein Konzert. Wenn ich dann später die Rückmeldung bekomme, wie begeistert sie waren und wie toll ihnen zum Beispiel ein Konzert mit Chilly Gonzales gefallen hat, dann hat man eine Tür geöffnet.

Deshalb halte ich es für absolut essentiell, auch entsprechende Angebote für Kinder und Jugendliche zu haben. Das ist in der Schule leider kein großes Thema mehr. Und das finde ich einfach schade. Es wird ständig darüber gesprochen, wie wichtig Musik oder auch Tanz für die menschliche Entwicklung sind. Musik müsste eigentlich gleichwertig mit Deutsch oder Mathematik behandelt werden. Da geht viel verloren. Wie erfolgreich man dabei sein kann, zeigt das Klavier-Festival Ruhr ja schon seit über 10 Jahren in inzwischen sämtlichen Schulen des Duisburger Stadtteils Marxloh. Dort spielt Musik und Tanz im schulischen Alltag dank dieser Initiative des Klavier-Festivals eine ganz wichtige Rolle.

Über den Podcast: 

Der Podcast „AnTasten“ erreicht aktuell mehrere hundert Hörer pro Folge mit steigender Tendenz. Sie kommen nicht nur aus dem Ruhrgebiet, sondern zum Beispiel auch aus Niedersachsen oder der Schweiz. In der aktuellen Folge spricht Anja Renczikowski mit Prof. Werner Rizzi, Professor für Elementare Musikpädagogik an der Folkwang Universität der Künste. Der Musikwissenschaftler betreut die Little Piano School, die Teil des Education Programms des Klavier-Festivals ausmacht. 

Der Podcast kann direkt über die Homepage des Klavier-Festivals abgerufen werden, ist aber auch auf Spotify, Deezer und Google Podcasts zu finden. 

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