„Die Lehren aus Corona“

Initiativkreis im Interview

Interviews

„Home-Office ist nicht das Allheilmittel“


08. Dezember 2020

Die zunehmende Akzeptanz des Arbeiten im Home-Office sei positiv, sagt Dr. Elke van Arnheim, Partnerin der Kanzlei Kümmerlein. Dauerhaft führe dauerhaft die Arbeit im Team aber zu mehr Effizienz und Inspiration. (Foto: Kümmerlein)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Diesmal: Dr. Elke van Arnheim, Partnerin der Essener Kanzlei Kümmerlein und Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Unternehmen betroffen?
Kümmerlein hat die Zeit der Pandemie bisher überaus gut durchgestanden. Der Beratungsbedarf in wirtschaftsrechtlichen Fragen blieb unverändert hoch, die Urkunds-Tätigkeit der Notare stabil. Zu Beginn der Pandemie standen arbeits- und mietrechtliche Fragestellungen sowie Eil- und Klageverfahren die verordnungsrechtlichen Corona-Einschränkungen betreffend im Fokus. Wenige organisatorische Umstellungen – wie die Trennung der Etagen und die Einrichtung von Einzelbüros für sämtliche Mitarbeiter – haben es uns dabei erlaubt, den Kanzleibetrieb nahezu unverändert fortzuführen.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Auch wenn wir zu Anfang der Pandemie froh waren, mit Hilfe von Videokonferenzen unseren Mandanten „sehen“ zu können, so ist zunehmend festzustellen, dass das beiderseitige Bedürfnis nach einem persönlichen Zusammentreffen wieder steigt. Denn die Videokonferenz beschränkt die Kommunikation auf das Notwendige, aber mit wenig Raum für Zwischentöne und das Gespräch am Rand. Die fehlende Gelegenheit für Spontaneität im menschlichen Miteinander ist sicherlich auch das, was das Leben außerhalb des Berufs derzeit prägt: kein gemeinsamer Konzert-, Museums- oder Restaurantbesuch, kein spontaner Wochenendtrip. Am meisten vermisse ich die Reisen in das vertraute Umbrien.

Die Vielfältigkeit des Ruhrgebiets ist Teil seiner Probleme, aber auch seine Chance. Der Austausch und die Zusammenarbeit von Millionen Menschen in unmittelbarer räumlicher Nähe bietet eine gute Grundlage für neue Ideen und damit für die Lösung anstehender Aufgaben.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Die wirtschaftliche Lage im Revier war bereits vor der Corona-Krise angespannt. Angesichts der andauernden Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind aber alle Wirtschaftsbereiche noch größeren Herausforderungen ausgesetzt. Neue Ansätze, die Attraktivität des Ruhrgebiets als Wirtschafts- und Lebensstandort zu erhöhen, werden nun in den Fokus gelangen. Dem Ausbau der Bildungslandschaft und der Entwicklung einer Gründerszene kommt besondere Relevanz zu. An Bedeutung gewinnen wird noch einmal der Medizinsektor; das Ruhrgebiet verfügt über eine erstklassige Krankenhaus- und Forschungslandschaft. Die Vielfältigkeit des Ruhrgebiets ist Teil seiner Probleme, aber auch seine Chance. Der Austausch und die Zusammenarbeit von Millionen Menschen in unmittelbarer räumlicher Nähe bietet eine gute Grundlage für neue Ideen und damit für die Lösung anstehender Aufgaben.

Wie wird Corona Wirtschaft und Gesellschaft auf Zeit verändern?
Derzeit in aller Munde sind die enorme Entwicklung der Digitalisierung infolge der Pandemie und die damit verbundenen Chancen für die Arbeitswelt. Unzweifelhaft hatte Deutschland in dieser Hinsicht Nachholbedarf, und es ist erstaunlich, wie schnell noch vor einem Jahr für undenkbar gehaltene Arbeitsstrukturen außerhalb unternehmenseigener Räumlichkeiten aufgebaut werden konnten. Positiv ist die damit einhergehende zunehmende Akzeptanz des Home-Office. Nichtsdestotrotz ist es nicht das Allheilmittel: Weder der Pilot, der Zahnarzt noch der Notar können ihre Tätigkeit von zu Hause aus leisten und benötigen vor Ort auch die Unterstützung ihrer Mitarbeiter. Selbst bei Home-Office-tauglichen Tätigkeiten darf nicht außer Acht gelassen werden, dass dauerhaft die Arbeit im Team zu mehr Effizienz und Inspiration führt.

Die Belastung nachfolgender Generationen im Auge behalten

In welcher Form haben Unternehmen eine besondere Verantwortung für ihre Belegschaft und die Gesellschaft in Krisenzeiten wie diesen?
In erster Linie hat das Unternehmen die Obhutspflichten gegenüber seinem Mitarbeiter, für einen sicheren, – hoffentlich – Corona-freien Arbeitsplatz zu sorgen. Darüber hinaus gilt es, die in der Krise erhöhten Anforderungen an die Mitarbeiter auszugleichen. So heißt es, flexible Arbeitszeitmodelle zu finden, um Eltern die Beaufsichtigung von Kindern zu ermöglichen, deren Schulen oder Kitas geschlossen sind. Auch sollten Möglichkeiten für das Home-Office geschaffen werden, soweit es für die Gesundheit der Mitarbeiter opportun ist – auch wenn es den Arbeitsablauf beeinträchtigt.

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Jede Krise ist ein Test für die Solidarität unter den Menschen, da immer bestimmte Personen oder Personengruppen der Unterstützung anderer bedürfen. Soweit es um einen finanziellen Lastenausgleich geht, sehen wir es als selbstverständlich an, dass dieser in Form staatlicher Hilfen gefordert und gewährt wird. Dabei werden wir langfristig aber nicht umhin kommen, die Belastung nachfolgender Generationen im Auge zu behalten. Wir werden es nicht schaffen, jedes Menschenleben und jede Unternehmung vor den Folgen dieser Pandemie zu schützen. Gegenüber der derzeitigen staatlichen Solidarität tritt die Solidarität des Einzelnen bedauerlicherweise signifikant zurück. Die Reaktion auf die verhängten Restriktionen ist häufig ein „Ja, aber nicht für mich“ – und zwar keineswegs nur bei jungen, vielleicht eher sorglosen Menschen. Dies fängt bei der Maskenpflicht an und setzt sich in privaten Treffen und Reisen fort. Es bleibt abzuwarten, auf welche harte Probe die Solidarität unter den Bürgern noch gestellt wird, wenn nach Ablauf insolvenzrechtlicher Schonfristen und trotz oder gerade wegen der gewährten staatlichen Hilfen die Pandemie bei jedem einzelnen von uns zu wirtschaftlichen Einbußen führt.

Selbstverständlich ist die Pandemie auch für die Unternehmen eine Art Stresstest, in der Vieles auf dem Prüfstand steht und stehen muss.

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Jede Krise zwingt zur Besinnung. Sie fordert das – wenn auch widerwillige – Überdenken liebgewonnener oder vermeintlich gebotener Gewohnheiten. Ein banales Beispiel: das eigene Zeitmanagement. Muss jeder Gelegenheit einer beruflichen Zusatzveranstaltung, jeder Einladung im privaten Kreis Folge geleistet werden? Muss der Terminkalender randvoll sein oder ist die unerwartete „Leere“ Luxus? Führt die „Leere“ zu Alternativen, an die man früher keinen Gedanken verschwendet hat? Selbstverständlich ist die Pandemie auch für die Unternehmen eine Art Stresstest, in der Vieles auf dem Prüfstand steht und stehen muss. Stimmt die Ausrichtung? Haben wir ausreichend und vor allem das richtige Personal? Ist das Geschäft im besonderen Maße krisenanfällig? Was wird sich infolge der Pandemie ändern, und wie können wir im Voraus darauf reagieren? Kein „einfach weiter so“! Vielleicht steht am Ende aber auch ein erleichtertes „Wir sind auf dem richtigen Weg“. In diesem Sinne der Region, seinen Menschen und der hiesigen Wirtschaft ein herzliches „Glückauf“!

Das ist Dr. Elke van Arnheim

Dr. Elke van Arnheim ist seit 1991 als Rechtsanwältin im nationalen und internationalen Wirtschaftsrecht tätig. Sie berät in- und ausländische Mandanten zu allen Fragen des Kapital- und Personengesellschaftsrechts – gerade auch im Falle grenzüberschreitender Sachverhalte – und ist Mitglied verschiedener deutsch-ausländischer Juristenvereinigungen. Nach dem Studium in Bielefeld und Münster hat Dr. Elke van Arnheim 1984 das erste juristische Staatsexamen abgelegt. Nach erfolgreicher Dissertation im Kartellrecht absolvierte sie 1990/1991 einen Masterstudiengang an der London School of Economics and Political Science im Bereich „International Business Law“, nach dessen Abschluss sie ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin bei Kümmerlein Rechtsanwälte & Notare in Essen aufnahm. Im Jahr 2004 wurde Dr. Elke van Arnheim zur Notarin ernannt. Als Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr engagiert sie sich für die weitere Entwicklung des Ruhrgebiets.

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