„Die Lehren aus Corona“

Initiativkreis im Interview

Interviews

„Corona hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind“


23. November 2020

„Die größte Solidarität zeigt sich derzeit darin, wenn sich die Menschen an die Maßnahmen halten, die zur Eindämmung des Virus so wichtig sind“, sagt Bernd Tönjes. (Foto: Initiativkreis Ruhr)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Zum Auftakt: Bernd Tönjes, Moderator des Initiativkreises Ruhr und Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Unternehmen betroffen?
Die RAG-Stiftung ist bislang vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Das Stiftungsmodell hat sich als robust und krisensicher erwiesen. Natürlich hat sich auch im Portfolio der Stiftung die Entwicklung an den Kapitalmärkten niedergeschlagen. Denn auch wir sind in Assetklassen investiert, die von der Krise tangiert werden. Verluste aus der Anfangszeit der Krise konnten wir mittlerweile wieder wettmachen. Die Auswirkungen auf unsere Kapitalanlage waren und sind also beherrschbar. Die Diversifikation unseres Portfolios zahlt sich gerade jetzt aus.

Die Corona-Krise hat unterdessen natürlich auch viele unserer Fördernehmer vor besondere Herausforderungen gestellt. Uns ist es wichtig, ein verlässlicher Partner zu sein. Deshalb haben wir gemeinsam mit unseren Fördernehmern mit Flexibilität und Kreativität auf die Herausforderungen reagiert.

Ich freue mich schon heute auf den ersten Besuch in der Veltins-Arena nach Corona. Auch wenn das noch etwas dauern kann.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Im Arbeitsalltag sind wir, wo immer es geht, von Präsenzterminen auf Videokonferenzen umgestiegen. Was anfangs ungewohnt war, ist mittlerweile Usus. Ich bin davon überzeugt, dass viele neue Arbeitsmethoden – angefangen bei Videokonferenzen bis hin zum Thema Homeoffice – auch nach Corona in den Unternehmen sinnvoll zum Einsatz kommen werden. Der persönliche Austausch ist und bleibt natürlich weiterhin unersetzlich. Doch da, wo wir uns beispielsweise künftig stundenlange Anreisen zu Terminen ersparen können, halte ich Videokonferenzen auch mit Blick auf unsere Klimabilanz für eine echte Alternative.

Privat hatten und haben die Einschränkungen natürlich auch Auswirkungen. Dass wir Freunde und Verwandte nicht wie sonst sehen können, ist für alle Beteiligten schwer. Aber die Maßnahmen sind richtig. Davon bin ich überzeugt. Daneben zählt die Eigenverantwortung jedes einzelnen. Fest steht aber, ich freue mich schon heute auf den ersten Besuch in der Veltins-Arena nach Corona. Auch wenn das noch etwas dauern kann.

Corona legt die schleppende Digitalisierung an Schulen offen

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Die Wirtschaftsleistung ist durch Corona insgesamt stark zurückgegangen – jedoch nicht so stark, wie anfangs befürchtet. Davon ist auch das Ruhrgebiet betroffen. Was viele nicht wissen:  Das Gesundheitswesen ist im Ruhrgebiet mittlerweile der größte Arbeitgeber. Und natürlich ist es vor dem Hintergrund von Corona gut, dass wir eine solch hervorragende Gesundheitsversorgung aufweisen können. Das zahlt sich jetzt aus.

Eine Schwäche, die sich – allerdings nicht nur im Ruhrgebiet – durch Corona manifestiert hat, ist die mehr als schleppende Digitalisierung unserer Schulen. Milliarden für Hardware zur Verfügung zu stellen, reicht nicht. Denn die beste Hardware nützt nichts, wenn es kein WLAN gibt. Das setzt sich bei vielen Kindern nach Schulschluss fort. Dabei ist die Betroffenheit in der Ruhrgebietsbevölkerung sehr unterschiedlich. Akademiker-Familie, individuelle Förderung der Kinder, Eigenheim, gute digitale Ausstattung auf der einen Seite. Kleine Wohnung, keine digitalen Endgeräte, keine Förderung auf der anderen Seite. Durch die Corona-Krise sind diese Unterschiede dramatisch größer geworden. Hier brauchen wir jetzt einen echten Re-Start. Corona hat die Dringlichkeit, diese Aufgabe anzugehen, sehr deutlich gemacht. Ich sehe die Chance, dass das jetzt endlich angegangen wird.

Die Bewältigung der Corona-Krise ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir jetzt umsichtig sind, können wir – Menschen und Unternehmen – besser wieder daran anknüpfen, wo wir vor der Krise standen.

Wie wird Corona Wirtschaft und Gesellschaft auf Zeit verändern?
Die Wirtschaft wird eine ganze Zeit lang brauchen, bis sie sich von der Krise erholt hat. Es kommt dabei natürlich darauf an, wie lange und in welcher Intensität die einschränkenden Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus noch aufrechterhalten werden müssen. Mit dem Impfstoff, der jetzt gefunden wurde, gibt es neue Hoffnung. Aber wir wissen längst – es wird trotzdem noch Geduld gefragt sein.

Auch die Gesellschaft wird – nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen – noch lange die Folgen von Corona spüren. Ich hoffe aber letztlich, dass wir auch als Gesellschaft auf gewisse Weise gestärkt aus der Krise hervorgehen können. Corona hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind, richtet unseren Blick aber auch wieder darauf, worauf es wirklich ankommt.

In welcher Form haben Unternehmen eine besondere Verantwortung für ihre Belegschaft und die Gesellschaft in Krisenzeiten wie diesen?
Arbeit ist ein großer Bestandteil unseres Lebens. Und Corona trifft alle Lebensbereiche. Deshalb stehen auch die Unternehmen in der Verantwortung ihre Belegschaft zu schützen. Sonst droht Stillstand. Am gravierendsten erleben wir das derzeit im Bereich von medizinischem Pflegepersonal. Wenn diese Menschen nicht ausreichend geschützt werden, droht der Zusammenbruch des Systems. Aber auch der Mittelständler kann es sich nicht leisten, dass die halbe Belegschaft ausfällt. Die Bewältigung der Corona-Krise ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir jetzt umsichtig sind, können wir – Menschen und Unternehmen – besser wieder daran anknüpfen, wo wir vor der Krise standen. 

Solidarität und Zusammenhalt sind Stärken des Ruhrgebiets

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Die größte Solidarität zeigt sich derzeit darin, wenn sich die Menschen an die Maßnahmen halten, die zur Eindämmung des Virus so wichtig sind. Diese Solidarität gebietet es auch, die eigenen Bedürfnisse mal für eine Zeitlang zurückstellen, sich in Geduld zu üben, zu entschleunigen. Sorge bereitet mir natürlich, wenn die Notwendigkeit der Solidarität in Frage gestellt wird und diese Sichtweise immer mehr Anhänger findet. Grundsätzlich nehme ich aber wahr – und das stimmt mich wieder optimistisch –, dass die meisten Menschen versuchen, füreinander da zu sein, und sich gegenseitig unterstützen. Im Ruhrgebiet haben wir traditionell eine gelebte Kultur von Solidarität und Zusammenhalt. Diese Stärke können wir jetzt mehr denn je ausspielen.

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Man muss zur Beantwortung dieser Frage sicher voranstellen, dass all jene, die durch Corona schwer erkrankt sind, Freunde oder Angehörige verloren haben oder jetzt wirtschaftlich vor dem Nichts stehen, diese Krise sicher nicht als Chance begreifen können. Trotzdem stellen Krisen, so sie denn überwunden werden, in der Regel einen Wendepunkt dar, der Chancen für Neues eröffnet. Daraus kann dann auch etwas Gutes entstehen. Davon bin ich überzeugt.

Das ist Bernd Tönjes

Bernd Tönjes führt den Initiativkreis Ruhr seit dem 1. Januar 2016. Seine Amtszeit als Moderator endet nach insgesamt fünf Jahren am 31. Dezember 2020. Tönjes wurde 1955 in Dorsten geboren. Er studierte Bergbau an der RWTH Aachen. Nach verschiedenen Stationen in der Bergbau AG Lippe und der Ruhrkohle Westfalen AG leitete er die Bergwerke Heinrich Robert in Hamm und Ewald/Hugo in Gelsenkirchen/Herten und war Sprecher der Geschäftsführung der DSK Anthrazit Ibbenbüren GmbH. Im Jahr 2000 wurde er Mitglied des Vorstands der Deutsche Steinkohle AG, dem er von 2001 bis 2004 vorsaß. Von 2004 bis 2007 war er Mitglied des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft, im Januar 2008 wurde er ihr Vorstandsvorsitzender. Seit Mai 2018 ist Bernd Tönjes Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung.

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