„Die Lehren aus Corona“

Initiativkreis im Interview

Interviews

„Die Krise bietet immer auch Gelegenheit, sein Bestes zu zeigen“


16. Februar 2021

„Corona kam für thyssenkrupp zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt“, sagt Finanzvorstand Dr. Klaus Keysberg. (Foto: thyssenkrupp)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Diesmal: Dr. Klaus Keysberg, Vorstand für Finanzen der thyssenkrupp AG.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Unternehmen betroffen?
Corona kam für thyssenkrupp zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Wir hatten gerade unser Aufzuggeschäft zu einem Rekordpreis verkauft und wollten mit den Erlösen den Umbau des Unternehmens vorantreiben. Corona hat dann die Prioritäten erst einmal verschoben. Zunächst ging es darum, die Gesundheit und Sicherheit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Dazu haben wir gleich zu Beginn der Pandemie spezielle Krisenstäbe gegründet, zentral und dezentral, um auch die lokalen Gegebenheiten bestmöglich in unsere Maßnahmen einzubeziehen. Unternehmensweit haben wir effektive Abstands- und Hygieneregeln verpflichtend eingeführt, Pandemiehelfer benannt bzw. qualifiziert und festgelegt, wie mit potenziell Infizierten und Risikogruppen umgegangen werden soll. Natürlich haben wir unsere Reiserichtlinien basierend auf den Empfehlungen der WHO immerfort überprüft und angepasst. Das alles in ständiger enger Abstimmung mit unseren Experten der Arbeitsmedizin. Allein in Deutschland haben wir über 2,3 Millionen medizinische Masken bereitgestellt.

Aber natürlich haben wir als internationale Unternehmensgruppe die Corona-Pandemie auch wirtschaftlich gespürt. Insbesondere die Automobilindustrie als einer unserer Hauptkunden war von der globalen Pandemie besonders betroffen. Das hat auch bei uns Spuren hinterlassen. Wir sehen zwar derzeit eine Erholung der Weltwirtschaft, von der auch thyssenkrupp profitieren wird, bleiben aber dennoch vorsichtig. Es gilt abzuwarten, welche Auswirkungen der aktuelle Lockdown haben wird. Zumindest ist aufgrund der Zulassung unterschiedlicher Impfstoffe ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar.

Die Stärke des Ruhrgebiets war es immer, füreinander einzustehen. Das ist zurzeit wichtiger denn je. Das Ruhrgebiet hat seine Fähigkeit zum Wandel bereits an vielen Stellen bewiesen.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Als Vorstandsmitglied besuche ich so oft es geht unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort in unseren Werken und Produktionsstätten. Nur so ergibt sich ein klares und ungefiltertes Bild. Ich möchte wissen, was uns bewegt, was wir besser machen können und was wir in andere Bereiche von thyssenkrupp als gutes Beispiel übernehmen können. Durch Corona waren diese Besuche stark eingeschränkt und nur noch virtuell möglich. Videokonferenzen sind ein effizientes Werkzeug – können aber das persönliche Gespräch nicht 1:1 ersetzen. Privat fehlt mir sicherlich der Kontakt mit Freunden und Verwandten am meisten – und gemeinsame Besuche im Fußballstadion. Die Stimmung auf der „Südtribüne“ funktioniert nicht aus der Konserve.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Solidarität ist eine der besonderen Stärken des Ruhrgebiets und gerade in diesen Zeiten sehr wichtig. Bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus geht es nicht um persönliche Belange, sondern um den Schutz unserer Gesellschaft. Wir alle erleben eine herausfordernde Zeit, aber die Stärke des Ruhrgebiets war es immer, füreinander einzustehen. Das ist zurzeit wichtiger denn je. Das Ruhrgebiet hat seine Fähigkeit zum Wandel bereits an vielen Stellen bewiesen. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild dieser Metropolregion stark verändert. Die Dominanz der Montanindustrie hat sich verringert, und das Ruhrgebiet hat sich mehr und mehr zu einem modernen Industriestandort entwickelt. Die Pandemie kann den Impuls für einen schnelleren Wandel setzen; Stichwort Digitalisierung und neue Formen der Zusammenarbeit. Dort, wo es immer schon Bereitschaft zum Wandel gegeben hat, ist das eine Chance.

Wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels, können aber die Auswirkungen weiterer Einschränkungen noch nicht realistisch abschätzen. Es bleibt also weiter ein Fahren auf Sicht.

Wie wird Corona Wirtschaft und Gesellschaft auf Zeit verändern?
Wirtschaftlich hat die Pandemie für einen kräftigen Dämpfer gesorgt. Die Weltwirtschaft erholt sich langsam, aber für belastbare Prognosen ist es meiner Meinung nach zu früh. Wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels, können aber die Auswirkungen weiterer Einschränkungen noch nicht realistisch abschätzen. Es bleibt also weiter ein Fahren auf Sicht.

Gesellschaftlich sehe ich durch Corona einen verstärkten Trend zur Digitalisierung. Virtuelle Zusammenarbeit ist spätestens jetzt im Berufsleben angekommen. Allerdings das Ganze nur auf Videokonferenzen zu reduzieren, greift zu kurz. Wir erleben neue Arbeitsmodelle – weg von einer Präsenzpflicht im Büro hin zu ergebnisorientiertem Handeln, das ortsunabhängig ist.

Aber auch das Privatleben wird digitaler: In Geschäften kommt immer weniger Bargeld zum Einsatz. Selbst beim Bäcker können Sie ohne Probleme mit Ihrer Karte bezahlen – häufig sogar kontaktlos. Vom Bezahlen mit dem Smartphone will ich dabei noch gar nicht sprechen. Ich bin überzeugt, dass auch nach dem Ende von Corona diese Entwicklung bleibt und das digitale Bezahlen zur neuen Normalität gehören wird.

In welcher Form haben Unternehmen eine besondere Verantwortung für ihre Belegschaft und die Gesellschaft in Krisenzeiten wie diesen?
Wir bei thyssenkrupp konnten den Einschränkungen der Pandemie bereits sehr früh begegnen. Wo immer es ging haben wir auf Home Office und mobiles Arbeiten umgestellt. Das ist uns sehr schnell gelungen, sodass bis zu 33.000 Mitarbeiter mit Büroarbeitsplätzen schließlich von zu Hause gearbeitet haben. Leider war das bei einer Vielzahl von Jobs nicht möglich. Ich denke an unsere Produktionsstätten, speziell im Ruhrgebiet natürlich auch an unser Stahlwerk. Wir haben daher eine besondere Verantwortung für diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, indem wir unsere Arbeitsplätze in Produktion und Fertigung so sicher wie möglich machen. Wir betonen daher fortwährend, wie wichtig selbst die einfachsten Maßnahmen sind. Und zwar Abstand zu halten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und auf Hygiene zu achten. Wenn jeder die einfachen Regeln einhält, sind wir einen großen Schritt weiter. Wir haben bei der Eindämmung der Risiken in den Betrieben ein sehr hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesehen, da haben alle an einem Strang gezogen.

Unsere Fürsorgepflicht hört aber nicht am Arbeitsplatz auf. Daher haben wir auch vielfältige Beratungsangebote für unsere Kolleginnen und Kollegen eingerichtet. Damit decken wir mehrere Bereiche ab: Für Fragen zur Sicherheit oder medizinische Rückfragen haben wir eine telefonische Hotline ins Leben gerufen. Aber die Pandemie ist auch eine psychische Belastung, hier helfen wir mit Unterstützungsangeboten ebenfalls.

Sinnvoller Protest hört da auf, wo die Gefährdung des Gemeinwohls beginnt

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Solidarität bedeutet Verantwortung. Für sich selbst, aber auch – und insbesondere in dieser Zeit – für seine Mitmenschen. Wie wir persönlich mit dieser Pandemie umgehen, welche Einschränkungen wir auf uns nehmen, das ist der Schlüssel zur Bewältigung der Krise. Dass wir über die Vorgaben der Politik diskutieren und streiten ist richtig und wichtig, aber sinnvoller Protest hört für mich da auf, wo die Gefährdung des Gemeinwohls beginnt. Gerade jetzt gilt für mich: Wir müssen zusammenstehen und die Krise gemeinsam bewältigen. Dazu gehört die konsequente Einhaltung von Regeln, das ist Teil der Verantwortung und gelebter Solidarität – auch wenn man dabei auf liebgewonnene Dinge verzichten muss.

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Jede Krise ist auch gleichzeitig eine Chance, das haben wir bei thyssenkrupp in unserer über 200-jährigen Unternehmensgeschichte immer wieder erlebt. Die weltweite Pandemie hat an vielen Stellen zu einem Perspektivwechsel geführt. Vorher unverrückbare Prozesse sind hinterfragt und zum Teil abgeschafft worden, die neue Situation hat zu neuen Denkansätzen geführt. Die Krise bietet immer auch Gelegenheit, sein Bestes zu zeigen. Daher stimmt es mich zuversichtlich, wie schnell wir uns im Unternehmen auf Corona eingestellt haben – mit neuen Hygienemaßnahmen, verschärften Sicherheitsstandards und digitalen Zusammenarbeitskonzepten. Das macht Mut, denn genau diese Flexibilität und Veränderungsbereitschaft brauchen wir auch künftig für die erfolgreiche Transformation von thyssenkrupp.

Das ist Klaus Keysberg

Dr. Klaus Keysberg, Jahrgang 1964, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster (Abschluss Dipl.-Kaufmann) und promovierte zum Doktor der Staatswissenschaften (Dr. rer. Pol). Anfang 1996 kam er zum thyssenkrupp-Konzern. Über verschiedene Führungsfunktionen im Automotive-Bereich, unter anderem als stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung und Chief Financial Officer (CFO) der thyssenkrupp Bilstein Gruppe, war er bei thyssenkrupp Services seit 2006 Finanzchef der Business Unit Industrial Services und zugleich kaufmännischer Geschäftsführer der thyssenkrupp Xervon GmbH.

Von 2011 bis 2018 war Keysberg Mitglied des Bereichsvorstands der Business Area Materials Services sowie Vorstandsmitglied der thyssenkrupp Materials Services GmbH. In dieser Zeit war er bis 2014 Chief Operating Officer, danach war er als CFO verantwortlich für die Bereiche Finanzen und Controlling, IT, Purchasing und Compliance.

Vom 1. Januar 2019 an war Keysberg Vorsitzender des Bereichsvorstands der Business Area Materials Services sowie Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp Materials Services GmbH. Bis einschließlich 30. September 2019 war er zudem Finanzvorstand der Business Area Materials Services sowie Finanzvorstand der thyssenkrupp Materials Services GmbH. Seit dem 1. Oktober 2019 ist Keysberg Mitglied des Vorstands und seit dem 1. April 2020 Vorstand für Finanzen der thyssenkrupp AG. Als Persönliches Mitglied vertritt er sein Unternehmen im Initiativkreis Ruhr.

Mehr aus der Reihe „Die Lehren aus Corona“

„Meine Toleranz bei Corona-Leugnern ist gering“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei bei Christian Kullmann, Vorsitzender des Vorstandes der Evonik Industries AG, nach.

„Corona hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Bernd Tönjes, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung, nach.

„Home-Office ist nicht das Allheilmittel“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Dr. Elke van Arnheim, Partnerin der Essener Kanzlei Kümmerlein, nach.

„Die soziale Spaltung droht sich weiter zu verschärfen“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe Reihe fragten wir bei Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck nach.

„Das Ruhrgebiet wird an dieser Herausforderung wachsen“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Sabine Loos, Hauptgeschäftsführerin der Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH, nach.

„Meine Toleranz bei Corona-Leugnern ist gering“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei bei Christian Kullmann, Vorsitzender des Vorstandes der Evonik Industries AG, nach.

„Corona hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Bernd Tönjes, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung, nach.

„Home-Office ist nicht das Allheilmittel“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Dr. Elke van Arnheim, Partnerin der Essener Kanzlei Kümmerlein, nach.

„Die soziale Spaltung droht sich weiter zu verschärfen“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe Reihe fragten wir bei Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck nach.

„Das Ruhrgebiet wird an dieser Herausforderung wachsen“

Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? In unserer Interview-Reihe fragten wir bei Sabine Loos, Hauptgeschäftsführerin der Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH, nach.

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Diesen Beitrag

Auf Social Mediateilen

Bleiben Sie immer gut informiert