„Die Lehren aus Corona“

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„Meine Toleranz bei Corona-Leugnern ist gering“


19. Januar 2021

Insgesamt habe Evonik die Corona-Krise bisher sehr gut gemeistert, sagt Vorstandsvorsitzender Christian Kullmann. (Foto: Evonik)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Diesmal: Christian Kullmann, Vorsitzender des Vorstandes der Evonik Industries AG.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Unternehmen betroffen?
Natürlich war eine solch dramatische Entwicklung auch für uns Neuland. Ganz am Anfang waren unsere Mitarbeiter in China und Südostasien betroffen, nach und nach erreichte das Virus alle der mehr als 100 Länder, in denen Evonik Geschäfte betreibt. Wir waren durch Krisenpläne gerüstet und konnten unsere Mitarbeiter gut schützen. Jedoch – innerhalb unserer Märkte gab es enorme Verschiebungen. Die Nachfrage aus der Automobilbranche brach ein, dafür wurden Wirkstoffe für Desinfektionsmittel händeringend gesucht. Insgesamt hat Evonik die Krise bisher sehr gut gemeistert. Dank einer breiten Aufstellung und der Fokussierung auf krisenfeste Geschäfte. Vor allem aber dank der enormen Umsicht, Flexibilität und Leistungsbereitschaft, die unsere Beschäftigten gezeigt haben.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Offensichtlich ist, dass ich wie alle Beschäftigten kaum noch reise. Abgesehen davon hat sich an meinem sonstigen Arbeitsalltag eher wenig geändert. Dank meines geräumigen Einzelbüros kann ich ohne erhöhtes Risiko wie gewohnt in unserer Essener Zentrale arbeiten. Ich bin auch der Ansicht, dass in solchen Lagen der Chef auf der Kommandobrücke präsent sein muss. Selbst wenn es dort deutlich einsamer zugeht, da die direkten Kontakte auf ein Minimum reduziert sind.

Verzichten muss ich dementsprechend vor allem auf viele, viele persönliche Gespräche. Die fehlen mir enorm, da sie mir im Normalbetrieb sehr wichtig sind. Und natürlich wäre es noch aufregender als früher, bei unserem wichtigsten Sponsoringpartner, dem BVB, endlich mal wieder ein Spiel im vollbesetzten Stadion erleben zu können.

Gerade in der Not zeigt sich immer wieder diese starke Fähigkeit zur Solidarität der Menschen an der Ruhr.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Das Ruhrgebiet ist einer der am dichtesten besiedelten urbanen Räume Deutschlands und Europas. Da ist es klar, dass Maßnahmen zur Kontaktminimierung hier besonders schwierig umzusetzen sind. Alles in allem ist das dennoch gut gelungen.

Andererseits bringt genau diese Dichte mit sich, dass im Zweifelsfall Hilfe immer gleich um die Ecke zu finden ist. Wir haben zum Beispiel zu Beginn der Krise schnell die Produktion von Desinfektionsmitteln aufgenommen. Normalerweise stellen wir nur Inhaltsstoffe dafür her, und zwar im Tonnen-Maßstab. Die Mittel in den benötigten kleinen Gebinden an die vielen Einrichtungen zu spenden, die sie dringend benötigten – das funktionierte nur, weil es ein Netzwerk aus vielen pragmatisch helfenden Institutionen und Personen möglich machte. Gerade in der Not zeigt sich immer wieder diese starke Fähigkeit zur Solidarität der Menschen an der Ruhr.

Wie wird Corona Wirtschaft und Gesellschaft auf Zeit verändern?
Klar ist, dass digitale Lösungen an vielen Stellen stärker eingesetzt werden als früher. Kommunikation wird sich noch mehr in den elektronischen Bereich verlagern, weil es funktioniert. Allerdings spüren wir bei unseren Beschäftigten auch den überragenden Wert von direkter Zusammenarbeit. Das Büro als Mittelpunkt der Arbeit hat also nach wie vor nicht ausgedient, aber die Möglichkeiten der Zusammenarbeit werden um die in der Krise erprobten Instrumente erweitert.

Das vielfach ausgerufene Ende der Globalisierung infolge der Corona-Krise sehe ich nicht. Die Probleme vieler Unternehmen lagen in den Lieferketten und Absatzmärkten, nicht in der globalisierten Produktion. Ob ein Zulieferer in China oder nebenan in Belgien sitzt, ändert nichts am Problem, wenn seine Produkte nicht zum Kunden gelangen. Ich gehe eher davon aus, dass sich viele Unternehmen infolge der Krise noch internationaler aufstellen werden, um auch in krisenhaften Lagen ihre jeweiligen Kunden bedienen zu können. Aber viele wirtschaftliche Konsequenzen aus der Corona-Pandemie werden sicherlich erst in einigen Jahren deutlicher sichtbar.

Extrem bedenklich finde ich, in welcher Größenordnung Menschen aus dem rationalen Diskurs abdriften und sich in irgendwelche Verschwörungstheorien flüchten.

In welcher Form haben Unternehmen eine besondere Verantwortung für ihre Belegschaft und die Gesellschaft in Krisenzeiten wie diesen?
Wir sind ein Spezialchemieunternehmen. Bei uns steht der Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter und Nachbarn immer an oberster Stelle. In der Krise konnten wir, auch dank unserer hervorragenden Betriebsärzte, Infektionen unserer Beschäftigten weitgehend vermeiden. Unsere unternehmerische Verantwortung umfasst aber auch, möglichst stabile Jobs zu bieten. Dem sind wir gerecht geworden. Dank unseres Umbaus des Unternehmens in Richtung resiliente Spezialchemie hat die Krise Evonik weit weniger getroffen als andere Konzerne, wir hatten kaum Kurzarbeit.

Unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft versuchen wir permanent wahrzunehmen. In erster Linie, indem wir Produkte hervorbringen, die das Leben besser machen. In der Krise zeigt sich das gerade beispielhaft bei den Impfstoffen: Wir liefern die Lipidhüllen, die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 erst möglich machen. Solche Lösungen sind unser Antrieb, auch jenseits der aktuellen Krisenlage.

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Es ist klar, dass all die Schutzmaßnahmen und Einschränkungen uns sehr fordern und damit unsere Fähigkeit zu solidarischem Handeln auf eine harte Probe stellen. Jeder spürt das doch an sich selbst. Aber ich habe es schon erwähnt: Gerade an der Ruhr haben die Menschen schon immer gut aufeinander achtgegeben. Das zahlt sich jetzt aus.

Extrem bedenklich finde ich allerdings, in welcher Größenordnung Menschen aus dem rationalen Diskurs abdriften und sich in irgendwelche Verschwörungstheorien flüchten. Wir haben leider in vielen gesellschaftlichen Debatten einen Hang dazu, gefühlte Wahrheiten wichtiger als die Faktenlage zu nehmen und eigene Meinungen absolut zu stellen. Damit fliegt eine Gesellschaft auf Dauer auseinander. Deshalb ist meine Toleranz bei Corona-Leugnern gering ausgeprägt.

Gesundheit, Familie und Freunde mehr wertschätzen

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Für uns alle liegt eine Chance darin, dass Dinge wieder mehr wertgeschätzt werden könnten, die vielleicht zu selbstverständlich genommen wurden: Die eigene Gesundheit und die der Familie und Freunde. Oder die Zuwendung zu und der Austausch mit seinen Mitmenschen. Auf unser Unternehmen und die Branche bezogen hoffe ich, dass vielen Menschen der große Wert eigener Industriebetriebe wieder offensichtlich geworden ist. Ohne die starke industrielle Basis hätten wir Herausforderungen wie die Knappheit an Desinfektionsmitteln oder Schutzausrüstung nicht so erfolgreich stemmen können. Und für unser Land insgesamt sehe ich eine weitere große Chance: Die Krise hat unmittelbar vor Augen geführt, was wir leisten können, wenn wir an einem Strang ziehen, ohne alles im Klein-Klein endlos zu zerreden. Der erste Impfstoff gegen diese Seuche kam aus Deutschland! Das sollte uns allen ein Ansporn für die Zeit nach Corona sein – auch und gerade im Ruhrgebiet.

Das ist Christian Kullmann

Christian Kullmann, geboren 1969 in Gelsenkirchen, studierte Wirtschaftsgeschichte in Hannover. Nach einer beruflichen Station bei der Deutsche Vermögensberatung AG kam er 1996 zur Dresdner Bank, wo er im Jahr 2000 Leiter Public Relations/Public Affairs wurde. Im Jahr 2003 wechselte Kullmann als Leiter des Zentralbereichs Kommunikation & Vorstandsbüro zur RAG Aktiengesellschaft in Essen.

Die gleiche Funktion füllte er vom Jahr 2007 an für die Evonik Industries AG aus. 2014 wurde er dort Mitglied des Vorstandes. Seit dem 24. Mai 2017 ist Kullmann Vorsitzender des Vorstandes von Evonik.

Seit März 2020 ist er auch Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Im Initiativkreis Ruhr vertritt Kullmann sein Unternehmen als Persönliches Mitglied.

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