„Die Lehren aus Corona“

Initiativkreis im Interview

Interviews

„Das Ruhrgebiet wird an dieser Herausforderung wachsen“


29. Dezember 2020

Die Westfalenhallen mussten Messen und Kongresse absagen. (Foto: Hans Jürgen Landes / DORTMUNDtourismus)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Diesmal: Sabine Loos, Hauptgeschäftsführerin der Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH.

Vermisst die Stimmung und das Flair der Messen in Dortmund: Sabine Loos. (Foto: Westfalenhallen Unternehmensgruppe)

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Unternehmen betroffen?
Nach einem sehr guten Start ins Jahr 2020 hat uns der erste Lockdown im März, wie die gesamte Veranstaltungsbranche, extrem hart getroffen. Die Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH ist mit all ihren Teilbereichen nahezu vollständig von den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie betroffen. Im September konnten wir aufgrund der zu dem Zeitpunkt niedrigen Infektionszahlen einige unserer Messen durchführen. Diese haben wir mit einem gut funktionierenden Hygieneschutzkonzept umgesetzt und konnten sowohl bei Besuchern als auch bei Ausstellern Vertrauen gewinnen, dass beim Messebesuch keine erhöhte Ansteckungsgefahr droht. Die Entwicklung der Pandemie hat sich dann allerdings drastisch verschlechtert, so dass relativ schnell klar wurde, dass wir neben den Messen auch keine Kongresse mehr veranstalten können. Großveranstaltungen, wie sie in der Westfalenhalle stattfinden, sind nach wie vor leider gänzlich verboten.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Für mich hat sich seit dem Beginn der Pandemie ebenfalls sehr viel verändert. Ich bin schon lange im Messe-Geschäft tätig und genieße es, wenn die Messehallen und das Kongresszentrum gut besucht sind. Dazu kommt das Veranstaltungsgeschäft mit der Westfalenhalle, welches uns immer wieder großartige Acts nach Dortmund holt. Dieses große Gelände so leer zu sehen, ist nicht besonders schön und macht einem jeden Tag aufs Neue klar, in welcher Ausnahmesituation wir momentan stecken. Mein persönliches Highlight war immer, am ersten Messetag an den Ständen vorbeizugehen, weil dann eine ganz besondere Stimmung in den Hallen herrscht. Die Aussteller freuen sich auf die Besucher und man kann die Motivation allen Beteiligten förmlich ansehen. Diese Stimmung und das Flair, welches nur die physische Präsenz auf einer Messe bietet, fehlen mir sehr.

Das Ruhrgebiet konnte sich als Region schon immer gut an verschiedene Ereignisse anpassen. Gerade Dortmund hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich sehr gut weiterentwickelt, vor allem was den Bereich der Digitalisierung angeht.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Das Ruhrgebiet konnte sich als Region schon immer gut an verschiedene Ereignisse anpassen. Gerade Dortmund hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich sehr gut weiterentwickelt, vor allem was den Bereich der Digitalisierung angeht. So wird es auch mit der aktuellen Krise laufen. Das Ruhrgebiet wird nicht stehenbleiben, sondern an dieser Herausforderung wachsen. Wir werden bekannte Unternehmen erleben, die sich zu neuen Geschäftsfeldern orientieren und diese Krise eher als Chance nutzen, aber leider wird es auch Branchen geben, die es schwer haben werden, diese Krise zu überstehen.

Wie wird Corona Wirtschaft und Gesellschaft auf Zeit verändern?
In der Wirtschaft hat es bereits in diesem Jahr sehr viel verändert. Wenn Sie sich die Abläufe im Arbeitsleben anschauen, entdecken Sie sehr schnell, was Corona bereits in der kurzen Zeit bewirkt hat. Die Abstimmungen und Meetings werden mittlerweile zum Teil über Videokonferenz-Tools abgewickelt und das Home- bzw. mobile Office-Modell hat Einzug erhalten – quer durch alle Branchen und Bereiche. Zudem sind bereits im Sommer viele Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche neue Wege gegangen, die sie vorher für ihr Geschäft nie im Blick hatten. Insgesamt wird das Jahr 2020 viele Entwicklungen für die Wirtschaftswelt mit sich bringen. In der Gesellschaft hat sich ebenfalls viel getan. Wenn wir uns die Einschränkungen anschauen, die im Privatleben gelten, dann sind das schon sehr drastische Einschnitte, die in unserer Gesellschaft vor Corona nicht zu finden waren. Ich denke, dass die Maßnahmen, die heute gelten, uns in Teilen noch länger begleiten werden.

Unternehmen tragen eine ganz besondere Verantwortung in dieser Zeit. Für die Belegschaft ist es wichtig, Informationen weiterzugeben, eine klare Linie vorzugeben, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, wie das Unternehmen durch die Krise kommt und wie es um das Geschäft aussieht.

In welcher Form haben Unternehmen eine besondere Verantwortung für ihre Belegschaft und die Gesellschaft in Krisenzeiten wie diesen?
Unternehmen tragen eine ganz besondere Verantwortung in dieser Zeit. Für die Belegschaft ist es wichtig, Informationen weiterzugeben, eine klare Linie vorzugeben, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, wie das Unternehmen durch die Krise kommt und wie es um das Geschäft aussieht. Dabei ist es wichtig, die Dinge offen anzusprechen und vor allem Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Wenn das gelingt, können Unternehmen ihre Mitarbeiter langfristig an sich binden und sogar gestärkt aus einer Krise gehen. Denn es schweißt eine Belegschaft eher zusammen, wenn man gemeinsam daran arbeitet, die Krise zu meistern und neue Geschäftsmodelle aufzulegen.

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Die Corona-Pandemie zeigt tatsächlich ganz deutlich, wie sehr die Menschen aufeinander achtgeben und nicht nur sich selbst im Blick haben. Das funktioniert zum größten Teil sehr gut, kann aber an manchen Punkten auch scheitern. Wichtig ist in der heutigen Zeit, dass die Regeln, die zum Infektionsschutz gelten und aufgestellt werden, umgesetzt werden. Dazu tragen wir in unserem Bereich ebenfalls eine große Verantwortung. Mit unserem Hygienekonzept #besafe haben wir bereits im September bewiesen, dass bei Beachtung der Regeln auch eine Messe mit knapp 20.000 Besuchern stattfinden kann. Das setzt aber ganz klar eine Solidarität bei den Menschen voraus.

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Die Corona-Krise beschleunigt sicher den gesamten Prozess der Digitalisierung. Diese Entwicklung sehen wir nicht nur in der Veranstaltungsbranche, sondern an diversen Punkten der Wirtschaftswelt. Wir sind natürlich auch dabei, diverse Angebote aus der hybriden Veranstaltungswelt zu prüfen. Gerade Messen werden zukünftig verstärkt digitale Zusatzangebote haben. Im Kern wird es weiterhin um die physische Plattform vor Ort gehen, allerdings werden die digitalen Zusatzangebote um eine Messe herum deutlich zunehmen und damit attraktive Möglichkeiten für Besucher und Aussteller bieten. Neben den genannten Entwicklungen ist ein ganz wichtiger Punkt festzuhalten: Der persönliche Kontakt wird eine neue Wertschätzung erfahren. Corona zeigt uns allen, wie wichtig auch der persönliche Austausch miteinander ist.

Das ist Sabine Loos

Sabine Loos ist seit dem 1. August 2011 Hauptgeschäftsführerin des internationalen Messe-, Kongress- und Veranstaltungszentrums Westfalenhallen Dortmund. Die Westfalenhallen Unternehmensgruppe GmbH hat im Jahr 2019 mit insgesamt 39 Messen mit mehr als 680.000 Besuchern sowie 940 Kongressveranstaltungen Umsatzerlöse in Höhe von 56,6 Mio. € erzielt. Zuvor war Sabine Loos seit 1991 bei der Koelnmesse tätig. Dort hatte sie unter anderem als Referentin und Projektleiterin die Weltleitmessen Anuga und die Internationale Süßwarenmesse betreut und 2004 die Geschäftsbereichsleitung Technologie und Umwelt der Koelnmesse übernommen.

Im Initiativkreis Ruhr repräsentiert Sabine Loos als Persönliches Mitglied ihr Unternehmen.

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