„Die Lehren aus Corona“

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Interviews

„Die soziale Spaltung droht sich weiter zu verschärfen“


22. Dezember 2020

„Corona hat uns wie durch ein Brennglas gezeigt, dass der christliche Dienst am Nächsten nicht ins Digitale verlagert werden kann“, sagt Bischof Franz-Josef Overbeck. (Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen)

Das Coronas-Virus drückt der Welt seinen Stempel auf. Wie trifft die Pandemie die Menschen, die Unternehmen, das Ruhrgebiet als Region? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Zukunft ziehen? In unserer Interview-Reihe Reihe „Die Lehren aus Corona“ fragen wir bei Persönlichkeiten aus unserem Netzwerk nach. Diesmal: Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck.

In wenigen Tagen feiern Christen das erste Weihnachten unter Corona-Bedingungen. Was heißt das für die katholische Kirche im Bistum Essen?
Weihnachten ist das mit Abstand beliebteste kirchliche Fest in unserer Region. Für manchen mag es schlicht „Tradition“ sein, für andere aber auch ein tiefes Bedürfnis, in dieser besonderen Nacht die Botschaft von der Menschwerdung Gottes zu hören, der uns Menschen nahe sein und zur Seite stehen will. Dieses Bedürfnis nach Trost und Zuspruch und die Suche nach Zeichen der Hoffnung spüren unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger gerade jetzt in der Zeit der Corona-Pandemie. Umso schwerer wiegt aktuell die Notwendigkeit, Kontakte zu reduzieren und möglichst auf Nähe zu verzichten, die aber für viele ganz besonders zu Weihnachten dazugehört. Ich bin daher froh und dankbar, dass unsere Pfarreien mit viel Kreativität und Engagement versuchen, durch offene Kirchen, Freiluft-Angebote, aber auch durch kreative Online-Ideen möglichst vielen Menschen zumindest etwas Weihnachtsfreude zu ermöglichen – auch wenn viele Weihnachtsmessen in unseren Kirchen in diesem Jahr ausfallen müssen.

Wir befinden uns in einem Dilemma, denn neben dem Infektionsschutz ist es auch von enormer Bedeutung, alte, schwache und kranke Menschen nicht vereinsamen zu lassen.

Wie hat die Corona-Pandemie das Bistum betroffen? Und in welcher Form hat die Kirche in Krisenzeiten wie diesen eine besondere Verantwortung für die Gesellschaft?
Auf die erste Welle im Frühjahr haben wir mit großer Vorsicht regiert, da niemand wusste, wie gefährlich das Virus ist und welche Übertragungswege es nutzt. Das gemeindliche Leben auf ein Minimum herunterzufahren und insbesondere während der Kar- und Ostertage auf Gottesdienste und den Dialog mit anderen Gläubigen zu verzichten, ist für viele schmerzhaft gewesen und hat auch Kritik hervorgerufen. Corona hat uns aber auch wie durch ein Brennglas gezeigt, dass der christliche Dienst am Nächsten nicht ins Digitale verlagert werden kann. Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen, Sterbende und Trauernde sowie viele andere hilfsbedürftige Menschen litten besonders darunter, dass ihnen der Kontakt zu Angehörigen, Freunden und Seelsorgern untersagt wurde. Wir befinden uns in einem Dilemma, denn neben dem Infektionsschutz ist es auch von enormer Bedeutung, alte, schwache und kranke Menschen nicht vereinsamen zu lassen. Angesichts wieder dramatisch steigender Zahlen gilt: Wer in Not- und Ausnahmesituationen Nähe und Trost sucht, hat ein Recht auf Begegnung und Halt. Dafür muss die Kirche entschieden eintreten.

Was hat sich für Sie persönlich geändert? Und: Hand aufs Herz – auf welche liebgewonnene Gewohnheit mussten Sie durch die Corona-Einschränkungen verzichten?
Meine zusätzlichen Aufgaben als Militär-, Europa- und Adveniat-Bischof bringen es normalerweise mit sich, dass ich sehr viel reise und dabei vielen unterschiedlichen Menschen begegne. Natürlich habe auch ich mich der Lage angepasst und versuche, möglichst viel meines Arbeitsalltags aus dem Essener Bischofhaus heraus zu gestalten. Organisatorisches lässt sich dabei mit digitalen Möglichkeiten gut klären, aber das ist nicht, was mich als Person ausmacht und erfüllt. Mir ist wichtig, Menschen zu hören und ihr individuelles Lebenszeugnis würdigen zu können. Das ist eine bereichernde Aufgabe, die den persönlichen Kontakt voraussetzt.

Je länger die Pandemie andauert, desto mehr droht sich die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft weiter zu verschärfen. Andererseits erlebe ich, mit wie viel Leidenschaft und Kreativität sich Menschen in den unterschiedlichsten Institutionen engagieren, damit genau das nicht passiert. Dieser ‚soziale Kampf‘ gegen Corona, der nur selten die Schlagzeilen füllt, wird im Ruhrgebiet sehr entschieden geführt.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die sich dem Ruhrgebiet durch Corona stellen – wo zeigen sich Schwächen und wo vielleicht Stärken?
Gegenwärtig reicht ein Blick auf die Infektionszahlen, um zu sehen, dass insbesondere Metropolregionen, in denen viele Menschen auf engem Raum leben, besonders gefährdet sind. In vielen Städten im Ruhrgebiet kommen soziale Problemstellungen hinzu, die unter normalen Bedingungen durch zivilgesellschaftliche oder kirchlich-karitative Einrichtungen abgefedert werden. Damit meine ich zum Beispiel kostenfreie Beratungsstellen, Jugendtreffs und viele weitere Hilfs- und Befähigungsangebote. Sind diese pandemiebedingt geschlossen, wie es aktuell der Fall ist, bleiben in benachteiligten städtischen Regionen nicht mehr viele Ausweichmöglichkeiten. Je länger die Pandemie andauert, desto mehr droht sich die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft weiter zu verschärfen. Andererseits erlebe ich, mit wie viel Leidenschaft und Kreativität sich Menschen in den unterschiedlichsten Institutionen engagieren, damit genau das nicht passiert. Dieser ‚soziale Kampf‘ gegen Corona, der nur selten die Schlagzeilen füllt, wird im Ruhrgebiet sehr entschieden geführt.

Wie wird Corona die Gesellschaft auf Zeit verändern?
Das lässt sich seriös noch nicht beantworten. Wir erleben aber gerade einige Entwicklungen im Zeitraffer, die sonst wahrscheinlich noch einige Jahre gedauert hätten. Ein Beispiel ist, dass für viele der Umgang mit Videokonferenzen und anderen digitalen Kommunikationstechnologien innerhalb weniger Monate selbstverständlich geworden ist. Ich sehe aber auch die Grenzen des Homeoffices: Außerhäusliche Arbeit hat für Frauen und Männer eine nicht zu unterschätzende Funktion, denn sie schafft wichtige Sozialkontakte außerhalb der Familie.

Bischof Overbeck bereiten Corona-Leugner Sorgen

Inwieweit ist Corona ein Test für die Solidarität unter den Menschen, und welche Entwicklung sehen Sie mit besonderer Sorge?
Für die Bewältigung der Corona-Pandemie wird häufig das Bild des Marathonlaufs bemüht. Der Vergleich hinkt ein wenig, denn niemand kann mit Gewissheit sagen, wie viele Kilometer wir noch vor uns haben. Diese Unsicherheit auszuhalten, ist für viele Menschen sehr belastend. Die meisten gehen weiterhin sehr verantwortungsvoll und solidarisch mit der Situation und ihren Mitmenschen um. Darin spiegelt sich auch das Vertrauen in die politisch Handelnden wider, was ich für essentiell halte. Das schließt freilich einen breiten und kontroversen gesellschaftlichen Diskurs nicht aus. Sorgen bereiten mir dabei jene, die die Bedrohung durch das Virus wider jede Vernunft leugnen, mitunter Verschwörungsideologien anhängen und nicht dazu bereit sind, die Maßnahmen solidarisch mitzutragen.

Lassen sich aus der Krise auch Chancen ableiten und wenn ja, welche?
Jetzt gilt es erst einmal, gemeinsam einen Weg durch die Krise zu finden, der unter epidemiologischen, sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten verantwortet werden kann. Das ist herausfordernd genug.

Das ist „Ruhrbischof“ Overbeck

Geboren 1964 als Sohn einer alteingesessenen Landwirtsfamilie aus Marl, entschied sich Franz-Josef Overbeck im Alter von 17 Jahren, Priester zu werden und nach dem Abitur Theologie zu studieren. Nach der Priesterweihe 1989 in Rom, einer Kaplanszeit in der westfälischen Heimat in Haltern am See und „Zwischenstationen“ am Bischofssitz in Münster als Domvikar, als Rektor des Deutschen Studentenheims und als Doktorand in Dogmatik übernahm Overbeck im Jahr 2000 mit der Leitung des Instituts für Diakonat und Pastorale Dienste Verantwortung dafür, Diakone und Nicht-Kleriker für die Seelsorge auszubilden. 2007 zum Weihbischof geweiht, erhielt er zwei Jahre später den Ruf auf den Essener Bischofssitz; am 20. Dezember 2009 wurde er hier in das Amt eingeführt, das im Volksmund auch als „Ruhrbischof“ betitelt wird. Overbeck ist zudem unter anderem Militärbischof für die Bundeswehr, verantwortlicher Bischof für das katholische Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat und „Sozialbischof“ als Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Zudem ist er Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr, der 1989 vom damaligen „Ruhrbischof“ Kardinal Franz Hengsbach mit aus der Taufe gehoben worden war.

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